200-Prozentige und die Anderen

Der 20. September ist Heinrich Pawels Geburtstag. Er war Halbjude, später heißt es: Mischling 1. Grades, geboren 1914 in Halle an der Saale, aufgewachsen in Frankfurt am Main. „Keine schöne Zeit, in der ich das Licht der Welt erblickte“, schrieb der gelernte Werkzeugmacher in einem Satz seiner Memoiren. Ein anderer lautet: „Ich möchte all den Menschen in Wanfried danken, …, wie den Familien Sieland, Scharf aus Aue, Herrn Bürgermeister Dr. Braun und Frau Wetzestein, die es verstanden haben, schützend ihre Hand über uns zu halten.“
Heinrich Pawel schrieb alles auf, was der Nationalsozialismus in seinem Leben angerichtet hatte. Dass der Vater aus einer Klinik spurlos verschwand, wie so viele Freude und Verwandte, die er nie wiedersah. Protokollauszüge der Nürnberger Prozesse und Hitlers Reden zitierte er, recherchierte dessen Weg zur Macht und stellte das Schicksal der eignen Familie all dem gegenüber.
Als Sohn eines Juden und einer Katholikin erlebte er die Verwandlung freundlicher Mitmenschen zu Mithassern. Irgendwann schreib er auf: „3. Februar 1921. Hitler spricht auf einer Massenversammlung im Zirkus Krone in München über „Zukunft oder Untergang“. In unserer Straße wohnen jüdische Familien und Katholiken, alle Kinder spielen zusammen auf der Straße. Und eines Tages, schlägt die Nachbarin meinem Vater einen Spaten über den Schädel. Einfach so“, erinnerte er sich an einen Zwischenfall im Jahr 1924. „Ende 1923 wird Hitler wegen Hochverrats zu fünf Jahren Haft verurteilt, am 20. Dezember 1924 wird er frei gelassen und präsentiert sein Buch: Mein Kampf“, notierte Pawel. Im selben Jahr ist in einer Frankfurter Zeitung zu lesen, dass ein jüdischer Staatsanwalt von unbekannten Tätern an einer Gaslaterne aufgeknüpft wurde. „Jetzt geht es los. Die stecken uns alle in die Öfen“, hatte sein Vater damals gesagt. Dem psychischen Druck ist der promovierte Jurist nicht gewachsen, er wird 1924 in die Psychiatrie eingeliefert, wo er bleiben muss. Erst im Jahr 2009 konnte die Familie in Erfahrung bringen, dass er am 1. Oktober 1940 von Gießen aus deportiert und noch am selben Tag im Brandenburger Konzentrationslager umgebracht wurde.
Heinrich, dem Mischling 1. Grades, wurde ein Studium verboten, darum begann für ihn am 1937 der aktive Wehrdienst. 1941 kam er während einer Übung nach Wanfried. Dort lernte er die Familie Sieland und dann die 20-jährige Lotte Franke kennen. Sie wohnte nebenan bei Familie Müller. Heinrich und Lotte wurden ein Paar, und im Oktober 1944 kam das gemeinsame uneheliche Kind zur Welt. Für Mutter und Kind eine gefährliche Zeit. Doch mit Hilfe von Bürgermeister Dr. Karl Braun, Polizist Fritz Neubauer und der Verwaltungsangestellten Elisabeth Wetzestein schaffte sie es, den Vater bis zum Kriegsende zu verheimlichen. „Die Aufforderung zur Klärung der Vaterschaft gegenüber dem Jugendamt Eschwege wurde so lange und vehement verzögert, bis der Krieg vorbei war“, schrieb Heinrich Pawel auf. „Sie brachten sich dabei selbst in Gefahr.“
Denn auch in Wanfried wurde gegen die jüdischen Mitmenschen gehetzt. Wanfried galt als „braune Hochburg“ im Kreis Eschwege. Dieser kleine Auszug aus einem Zeitungsartikel des Eschweger Tageblattes über die Geschichte der Juden in Wanfried aus 1939 macht das deutlich:
„Wie Diebe in der Nacht sind sie (die Juden a.d.Red.) auch in das Werratal gekommen. (…) Erst die neue Zeit räumte völlig mit dem Judenspuk in Wanfried auf. (..). Wanfried ist schon seit Jahren judenrein.“ In dem Beitrag des Wanfrieder Autors heißt es auch:„Die Wanfrieder Chronik deutet an, dass sie bei einer Verfolgung verbrannt worden seien. An Gründen dieser radikalen Ausrottungsform wird es wohl nicht gefehlt haben. Aber ein gebrannter Jude scheut auf die Dauer das Feuer nicht. (…) Es wird nicht schwer fallen, aus den Archiven anderer Orte gleichfalls das Schmarotzerleben der Juden im Werratal festzustellen. P.“ Hinter dem Buchstaben „P“ verbirgt sich der Autor dieses Stückes, Wilhelm Pippart. Der Wanfrieder Lehrer war NSDAP-Mitglied seit 1933 und stellvertretender Vorsitzender des NS-Lehrerbundes und Amtsleiter der NS Volkswohlfahrt und wird später in seinen Aussagen zur Entnazifizierung angeben, „dadurch nur Nachteile gehabt zu haben“.
Dabei hatte der Lehrer im System der Braunen eine entscheidende Schnittstelle besetzt, nämlich zwischen dennen, die die Demokratie und die Menschenrechte abschafften und den Bürgern, die zu Mitläufern und Mittätern wurden.
Die jüdischen Mitbürger hatten Wanfried noch vor 1938 verlassen. So groß war der Druck bereits gewesen. Vor allem ausgeübt durch Nazipersönlichkeiten wie Karl Vetter und Fritz Walter. Letzterer zog in den 1970er Jahren für die FDP in den Bundestag ein, obwohl er aufgrund seiner NS-Geschichte gemeinsam mit Vetter eingesessen hatte. Sie beide hatten dafür gesorgt, dass die Deutschen Christen fünf Pfarrstellen im Kreis Eschwege besetzen konnten. Diese Deutschen Christen beriefen sich auf das Wort Luthers, bezeichneten ihn als den wahren Deutschen im Geiste, der in Hitler wieder auferstanden sei und prisen den Antisemitismus von der Kanzel herab. In Wanfried war das Erich Eisenberg. Dieser Pfarrer und der Lehrer Pippart gaben den Bürgern die christilie und soziale Rückendeckung, um Dinge zu sagen wie: „Wenn ich deinen Wanst (Sohn a.d.Red.) erwische, schmeiß ich ihn gegen die Wand!“, wie es ein Wanfrieder gegenüber Lotte Franke tat. Als diese sich Elisabeth Wetzestein offenbarte, sorgte die taffe Verwaltungsangestellte dafür, dass die Drohung nicht wiederholt wurde. Wie sie das geschafft hatte, blieb ihr Geheimnis. Kein Geheimnis hingegen war, dass Fritz Sieland, mittlerweile ein guter Freund von Heinrich Pawel. Sieland war in Berlin sechs Monatate lange in der Reichskanzlei als sogenannter Zweiter Fahrer tätig und musste einmal Martin Bormann zum Flughafen Berlin bringen. Er diente damals in der SS-Division Wiking und hat den Ostfeldzug mitgemacht. Bei Kriegsende war er Oberschaarführer, seine Auszeichnungen waren: das Kraftfahrbewährungsabzeichen, Eisernes Kreuz 2. Klasse, Eiserens Kreuz 1. Klasse. Das erhielt er, weil er unter Beschuss feindlicher Panzerverbände 23 verwundete Soldaten aus einem Lazarett nahe Dnjepropetrowsk aus der Gefahrenzone brachte, so beschreibt es sein Neffe Rolf Sieland später. „Mein Onkel Fritz hat 1943 einem russischen Kommisar das Leben gerettet, weil er ihn bei der Gefangenname als einfachen russischen Soldaten umkleidete“, so Sieland. Die beiden hätten sich 1985 in Berlin getroffen und wären bis an ihr Lebensende freundschaftlich verbunden geblieben. Menschen wie Fritz Sieland und Elisabeth Wetzestein, die „Anfragen vom Jugendamt, mit Billigung von Dr. Braun so lange es nur ging, hinausgeschoben hat“, schrieb Heinrich Pawel auf, und „für Lotte war das eine sehr gefährliche Situation. Sie wurde vorgeladen und musste mit den unflätigsten Beschimpfungen seitens eines Beamten des Jugendamtes fertig werden“, steht in den Aufzeichnungen.
In Wanfried habe es auch 200-Prozentige gegeben, schrieb er noch. Aber die Sielands hatten ihn immer wieder heimlich aufgenommen, wenn er nachts durch den Garten und die Hintertür ins Haus geschlichen kam. Heinrich und Lotte Pawel heirateten am 26. Mai 1945 in Wanfried. Nach der Hochzeit lebten sie mit ihren drei Kindern in Südhessen, vom Schicksal seines Vaters erfuhr Heinrich Pawel nichts mehr. Im Jahr 2009 verstarben er und seine Frau Lotte kurz hintereinander. Den Kontakt zu den Wanfriedern hielten sie bis zum Schluss. Im Jahr 2014 wurde für seinen Vater ein Stolperstein vor deren Frankfurter Wohnung verlegt.

Diese Auszüge aus den Memoiren des Heinrich Pawel durfte ich nach freundlicher Genehmigung von Waltraud Schwarz, geb. Franke, veröffentlichen. Nicht zuletzt, weil meine Großmutter Elisabeth eine wichtige Rolle im Leben der Pawels gespielt und sich couragiert verhalten hatte. Ihre Abstinenz von Parteibüchern bescherte der Verwaltungsangestellten der Stadtverwaltung Wanfried immer wieder die Kündigung. Doch sie wurde auch immer wieder eingestellt, weil man auf ihr Fachwissen und ihre Menschenkenntnis wohl nicht verzichten wollte. (Elisabeth Wetzestein, geb. Bachmann, geb. 28. Februar 1899, gest. 6. April 1973.) Die Hetzschrift finden Sie unter Hetzschrift aus 1939.