Aufs richtige Programm kommt es an

Die Medien sind eine Qual. Was einem da manchmal zugemutet wird. Da kann einem der Glaube an das soziale, menschenfreundliche Deutschland echt abhanden kommen. Dabei kann die Medien-Welt so schön sein, im Dschungel mit den Möchtegernpromis, mit dem Bachelor, mit Dieter Bohlen, der Katze, den ganzen Familien im Brennpunkt, den Juristenshows und gestellten Erziehungsratgebern, den Kochshows und Talkrunden, die jeden Abend eine Woche lang immer das Gleiche diskutieren. Wenn man großes Glück hat, ist mal etwas auf dem Schirm, das zum richtigen Leben passt.
Die Reportage „Wadim“ gab es am Mittwochabend. Das war so eine Sendung. Tod nach Abschiebung heißt der Film und erzählt die Geschichte einer russischen Familie, die 1992 aus dem lettischen Riga nach Hamburg kam und politisches Asyl beantragte. Wadim war damals sechs Jahre alt, sein Bruder zwei Jahre jünger. Die Familie wurde geduldet, lebte in einem Asylbewerberheim, dann in einer Einzimmerwohnung. Die Eltern durften natürlich nicht arbeiten, die Kinder kamen in die Schule. Wadims Mutter bemühte sich, die Jungs gut ausbilden zu lassen, sorgte für Musikunterricht und dass sie in der katholischen Gemeinde integriert wurden. Sie selbst lernte schnell die deutsch Sprache und hatte große Hoffnung in den Sozialstaat.
Während die Kinder relativ unbeschwert ihre ersten Schuljahre meisterten, rangen die Eltern von Woche zu Woche um die Verlängerung der Duldung. Wie es dabei „abging“, war erschreckend. Bis zu einem Entscheid über den Asylantrag vergehen in Deutschland oft mehrere Jahre. Das heißt, warten, warten, warten, verlängern, nachfragen, überlegen, Pläne schmieden, verwerfen, warten. Wird der Antrag abgelehnt, kann jede Minute die Abschiebung erfolgen. Das wird verdrängt, sonst wird man ja verrückt. Die Angst, die Ungewissheit und die Tatsache, nichts tun zu dürfen, machte Wadims Eltern zu Gefangenen mit Freigang.
Trotzdem spornte die Mutter die Jungs immer wieder an, zu lernen und sich zu integrieren, weil sie an ein gutes Ende glaubte. Aus dem Grundschüler Wadim wurde ein Schüler des Gymnasiums. Er hatte gute Noten, war integriert, bekam Einladungen zu Geburtstagen. Die konnte er aber nicht erwidern. Und langsam begriff er, dass das Leben anders war als Asylbewerber in Deutschland. Seine Eltern durften nicht arbeiten, konnten sich nichts leisten. Sein Wille zu lernen wurde von der immer größer werdenden Hoffnungslosigkeit aufgefressen, die Mutter wurde depressiv, der Vater griff immer mehr zum Alkohol. Aus dem einstigen Gymnasiast Wadim wurde ein Hauptschüler. Als 2003 der Asylantrag abgelehnt wurde, war das Gespenst Hoffnungslosigkeit zum real existierenden Monster geworden.
Hamburg war die Heimatstadt von Wadim, Deutsch die Sprache, die er verstand. Im Jahr 2006, kurz nach seinem 18. Geburtstag und drei Monate vor dem Hauptschulabschluss klingelte es nachts um halb eins an der Wohnungstür der Familie. Wadim wurde festgenommen und abgeschoben. Die Mutter schnitt sich während des Zugriffes die Pulsadern auf, der Vater wollte seinen Sohn schützen, wurde festgenommen und auch der Bruder mit auf die Polizeiwache genommen. Gegen sieben Uhr am Morgen kam Wadim in Riga auf dem Flughafen an. Er bekam aber keinen lettischen Pass, weil er Russe und nicht Lette war. Mit der Adresse eines Obdachlosenheimes setzte man ihn im verschneiten Riga auf die Straße.
Ohne Kontakt zu den Eltern ohne die Sprache zu verstehen, verbrachte er eine Zeit in dem Obdachlosenheim.
Nach ein paar Wochen reiste er über Dänemark und Belgien nach Deutschland ein und war illegal in Hamburg. Dann musste er zurück nach Riga, dort suchte er sich Arbeit, wurde während der Krise aber entlassen. Er versuchte Asyl in Belgien zu beantragen, wurde auch von dort abgeschoben. Seinen Eltern drohte zwischenzeitlich keine Abschiebung mehr, weil die Mutter, mittlerweile psychisch krank, in Lettland keine medizinische Hilfe bekommen kann. Wadim reiste viel herum, kam immer mal wieder zu Besuch, musste vorsichtig sein, war wie ein gehetztes Tier, bis er sich im März 2010 in Hamburg-Harburg vor die S-Bahn warf und sich das Leben nahm. Er hatte seinen Platz im Leben nicht bekommen, keine Heimat gefunden. Obwohl er sich das so sehr gewünscht hatte. „Ich bin ein Gespenst, das in einer Holzkiste auf dem Dachboden wohnt“, hat er in der Grundschule in einer Geschichte geschrieben. „Ich höre, wie einer die Treppe hoch kommt und verstecke mich in der Kiste. Er findet mich nicht, aber nach einer Woche bin ich tot.“ Die Eltern haben ein blaues Holzkreuz an der Stelle aufgestellt, wo Wadim seinem hoffnungslosen Leben ein Ende machte.
In der Kreisstadt Eschwege gab es vor zwei Jahren einen ähnlichen Fall wie den von Wadim. Auch da wurde ein Sohn einer Familie bei Nacht abgeholt und abgeschoben. Der Protest der Mitschüler und Lehrer war aber so groß, dass es gelang, ihn wieder nach Deutschland zurück zu holen. Der Plan der Ausländerbehörden, Familien so zur Ausreise zu bewegen, liegt auf der Hand. Aber auch die machen nur ihren Job, der ihnen von oben aufgegeben wird, sagen sie.
Die Reportage erinnert mich an die Mitschülerin meines Sohnes. Nurie wurde im 3. Schuljahr während des Unterrichts von ihrem Vater aus dem Klassenraum geholt. „Schnell, schnell, Nurie komm“, sagte er. Das Kind sei total verstört gewesen, die Klasse wusste nicht, was da passierte, die Lehrerin zahlte noch schnell Nuries Anteil am Klassenkassenkonto aus, der für eine Klassenfahrt vorgesehen war. Dann war sie weg. Kein Abschied möglich, abrupt und fluchtartig. Am nächsten Tag saß die Familie wieder an dem Ort, von dem sie Jahre zuvor geflüchtet waren. Mitten aus dem Kroatienkrieg heraus, um ihr Leben zu retten. Das Haus zerstört und sie ohne Hoffnung, dass sich der Hass zwischen einstige Nachbarn vollends gelegt hätte. Später hörten wir, dass Nurie nicht mehr zu Schule gehen könne, es sei immer noch zu gefährlich. Aber es gibt ja auch Stories, die gut ausgehen, wie die einer Mitschülerin meines zweiten Sohnes. Die Familie durfte irgendwann bleiben. Sie hatten wohl überzeugend genug ihren Weg von Verfolgung und Todesängsten darlegen und beweisen können. Auch sie hatten im Kroatenkrieg alles verloren, mussten ganz neu anfangen und haben es irgendwann geschafft. Aber ein Leben, wie es vorher in ihrer Heimat war, wird es auch für sie nie wieder geben.
Parallel zum Ausstrahlungstermin über Wadim stand ein Beitrag über eine neue Asylunterkunft im Kreisgebiet in der Werra-Rundschau. Der Werra-Meißner-Kreis hat demnach wegen des wachsenden Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland eine weitere Gemeinschaftsunterkunft für 41 Personen eingerichtet, heißt es. Betrieben wird es von der AWO und schafft damit eine Kapazität von 272 Plätzen. Dann steht da noch, dass die Zahl der Asylsuchenden im letzten Jahr um 30 Prozent gestiegen ist und die meisten Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak, Serbien, Iran, Syrien, der Türkei und Russland kommen. Es ist ein recht kühler Beitrag in dem von Kapazitäten, Leuten, Plätzen, Zahlen und dem Willen, die Asylsuchenden gut aufzunehmen, geschrieben wird. Nach dem, was ich in der Reportage gesehen habe, tun mir diese Menschen jetzt schon leid.

Wie lange es sich Deutschland noch leisten kann, Familien zu trennen und wegzuschicken, sei im Hinblick auf den demografischen Wandel dahingestellt. Platz für diese armen Menschen hätten wir zur Genüge, die Gesetze müssten geändert werden, um Menschen die Chance auf menschenwürdiges Leben zu geben. Zum Sozialfall verdammt, als Sozialschmarotzer beschimpft, zum Lernen verpflichtet, dann zur widerstandslosen Aufgabe. Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt, sondern erst stirbt die Hoffnung, dann die Seele, dann der ganze Mensch.

Aber uns Deutschen bleibt ja Gott sei Dank noch immer die Programm-Wahl.

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