Die Folgen des 2. Weltkrieges

17. August 2010_Wanfried-Altenburschla. Am Dienstagmorgen stiegen Tim Boardman und David Wilson in Boston/England ins Auto und fuhren los. Auf dem Autozug durchqueren sie den Eurotunnel, dann ging es über deutsche Autobahnen direkt nach Wanfried-Altenburschla. Am Abend checkten sie im Landhotel am Anger ein. Zwei Tage hatten sie sich frei genommen, um noch einmal an den Ort zurück zu kehren, wo sie den Kalten Krieg am eigenen Leib miterlebt hatten. „Uns läuft es heute noch kalt den Rücken runter, wenn wir daran denken“, sagten beide.

Es ist ungefähr 16 Uhr. Am Grenzstein 51 auf den Mainzer Köpfen oberhalb von Altenburschla explodieren zwei Minen. Eine Gruppe Jugendlicher aus Westdeutschland, England, Pakistan, Ecuador, Italien, den Niederlanden und der Ortsvorsteher Karl Montag aus Altenburschla werfen sich zu Boden, drücken ihre Gesichter tief ins Gras. Verwirrung, Angst, einen Moment lang Todesstille. „Helft uns! Wir verbluten!“, rufen Siegfried Merten (27) und Franz Pfeifer (22), Gefreite der DDR-Grenztruppen. Kurz vorher durchquerten sie ein unwegsames Gelände am Grenzstreifen, trafen auf die Gruppe vom Marburger Aufbauwerk der Jugend, sprachen über gutes Bier, rauchten gemeinsam ihre Zigaretten. Jetzt lagen die Grenzer schwerverletzt im Minenfeld der DDR.

Das sind Erinnerungen an den 17. August 1963. Tim Boardman und David Wilson waren 17 Jahre alt. Mit 18 anderen jungen Menschen, die beim Wegebau an der deutsch-deutschen Grenze helfen sollten, erlebten sie den blutigen Zwischenfall hautnah mit. Ein Mann namens Werner Röhricht sei dann als erster aufgesprungen, dessen Freund, Horst Prawlowski und Philip Dyer, ein englischer Fallschirmjäger, kamen ihm zur Hilfe, bargen die Schwerverletzten unter Lebensgefahr aus dem Minenfeld, schleppten sie auf das Gebiet der Bundesrepublik. „Jemand hätte auf sie schießen können“, so Boardman, „auf uns alle“, sagte Wilson, während er sich die ausgestellten Grenzanlagen der ehemaligen DDR ansah. „Ich habe meinen Gürtel abgezogen und dem Merten das Bein abgebunden“, erinnerte sich Boardman. „Auf Hochsitzleitern haben wir sie nach Altenburschla getragen“, erzählten sie, während eines Besuchs im Wanfrieder Heimatmuseum und Dokumentationszentrum zur deutschen Nachkriegsgeschichte. Dort trafen sie sich am Donnerstagvormittag mit Uwe Eberhardt und Klaus Streitenberger. Eigene Kenntnisse und unzählige Zeitungsartikel über dieses Ereignis hatten sie parat. Annegret Arndt übernahm die Rolle der Dolmetscherin.

Am Tag zuvor besuchten sie die besagte Stelle an den Mainzer Köpfen. „Ein komisches Gefühl war das“, so Wilson, während er sich die ausgestellten Teller- und Stockminen im Museum ansieht. Der Besuch am Ort des Unglücks und diese Exponate ließen sie „die Erinnerungen an damals und Brutalität des Eisernen Vorhangs wieder spürbarer werden. „Wir haben den Kalten Krieg erlebt“, sagten sie, und dass Albträume sie verfolgt hatten. Doch ihr Leben ging weiter. Boardman studierte Maschinenbau, Wilson absolvierte ein Studium der Naturwissenschaften. Beide haben Familie, das Ereignis in Altenburschla ging ihnen nie aus dem Kopf. Sie hielten Kontakt, redeten immer wieder darüber, verfolgten später die Einträge im Internet. „Wir mussten wiederkommen“, sagten sie. Und sie hätten Merten oder Pfeifer gern getroffen, dazu kam es aber nicht.
„Was ist aus den beiden verletzten Soldaten geworden?“, fragte der 64-jährige Boardman, blätterte dabei in seinem alten Fotoalbum, zeigte beiläufig auf ein Foto. Wilson am Ortschild Altenburschla, am Tag des Unglücks. Beinahe jede internationale Pressemeldung über diesen Zwischenfall an der deutsch-deutschen Grenze haben sie gelesen. Seit dem es Internet gibt, recherchieren sie. „Es hieß, die beiden seien nach ein paar Tagen in den Osten geschickt worden“, so Boardman. Die New York Times und die Financial Times berichtete darüber, BILD, Welt und viele andere.

Die Frage, ob die Grenzsoldaten nicht doch noch verurteilt wurden, wollte ihnen nicht aus dem Kopf gehen, das Misstrauen gegen die DDR war groß. Uwe Eberhardt, damals als Zollbeamter an diesem Grenzabschnitt tätig, konnte sich erinnern. „Nach ihrer Rettung kamen sie ins Eschweger Kreiskrankenhaus. Einem wurde der Oberschenkel, dem anderen der Unterschenkel amputiert“, so Eberhardt. Zehn Tage später habe man sie zurückschicken können. Aber vorher sei in Gesprächen und durch das Schreiben eines Offizier der Zonengrenztruppe versichert worden: „Einer Bestrafung wird es nicht geben“. Gespräche über die Rückführung in die DDR wurden direkt mit dem diensthabenden Kommandeur und dem Zollkommissar aus Wanfried vor Ort geführt, erzählte Eberhardt. Man habe vorher Leuchtkugeln über Kreuz verschossen. Das sei das Zeichen dafür gewesen, dass man sich am Tor bei Wendehausen treffen solle, um zu reden. Das war einmalig, so Eberhardt.

„Warum war der englische Fallschirmjäger Dryer mit uns unterwegs?“, fragte Boardman noch. Dieser sei im Jugenddorf Hoher Meißner, in dem die Jugendgruppe untergebracht war, zu ihnen gestoßen. Angeblich mit dem Jeep unterwegs von England nach Australien. Der 27-Jährige Lebensretter wurde einen Monat später vom damaligen deutschen Botschafter in London mit der Hessischen Rettungsmedaille ausgezeichnet. Darüber berichteten die Zeitungen in England und Deutschland noch. Dann verlor sich seine Spur.

Recherchen der Redaktion ergaben, dass der 74-jährige ehemalige Gefreite Siegfried Merten heute noch in Oberdorla lebt. „Ich habe mein Leben den Leuten zu verdanken, die uns aus dem Minenfeld gerettet und erste Hilfe geleistet haben“, sagte er in einem Interview gegenüber Der Welt im Jahr 1998. Dass sie damals straffrei blieben, hätten er und Pfeifer auch der Westpresse zu verdanken, die damals groß eingestiegen sei. Heute will er zu diesem Tag, der sein Leben für immer veränderte, nichts mehr sagen. Zu Pfeifer habe er schon lange keinen Kontakt mehr gehabt. Es hieß, er sei IM gewesen, so Merten 1998. „Wir wollen die alten Dinge ruhen lassen“, sagte er vergangene Woche während eines Telefonats. Es ginge ihm gut, niemand müsse sich Sorgen machen, sagte er. An Tim Boardman und David Wilson konnte er sich nicht mehr erinnern. „Ich habe ihm 10 Pall Mall Zigaretten gegeben“, erinnert sich Boardman dagegen noch gut. Merten würde am liebsten diesen Tag ganz vergessen. Es war Kalter Krieg. Aber der ist lange vorbei.

Hinweis: Seit dem 12.12.1995 gilt der ehemalige Todesstreifen als minenfrei. 1,3 Millionen Minen wurden monatelang von Spezialkommandos geräumt. Lediglich 3.000 sollen nicht gefunden worden sein. Die Minen sollen laut Angaben des Bundesverteidigungsministeriums 200 Menschen verletzt und einen getötet haben. Vereinzelt wurden nach der Räumung noch Minen gefunden.