Drücken Sie die 1

… und das ist kein Wunsch, sondern ein Befehl. So klingt es, wenn ein Telefoncomputer mit kriminellen Absichten besprochen wurde. „Hier spricht die Polizei. Legen Sie nicht auf! Sie haben möglicherweise eine Straftat begangen. Um zu prüfen, ob Sie das waren oder es sich um eine Verwechslung handelt, drücken Sie die 1.“ Ich drücke natürlich nicht die 1 und warte ab. Jetzt wird die Ansage forscher. „Sie sollen die 1 drücken! – Pause – Machen Sie schon! Sonst schicken wir die Kollegen persönlich bei Ihnen vorbei. Das wird teuer.“ – Pause – Ich drücke nicht die 1, aber ich würde gerne, um zu erfahren, was dann passiert.

Aus Schilderungen anderer Opfer weiß ich, dass danach erst mal nix passiert. Minutenlang passiert nix, außer, dass es gebührenpflichtig ist, abzuwarten, wie nix passiert. Das ist dann Strafe und Buße auf einmal.
Und mit „tuet Buße und drücktet die 1“, sind auch andere Telefoncomputer besprochen worden. Von Gott beauftragt, falls es ihn gibt, was ja nicht auszuschließen ist. Jedenfalls ruft mich letzte Woche der Francesco Albatori (oder so ähnlich) an. Mit tiefer, sonorer, männlicher Stimme und italienischem Akzent sagt er, dass er mit mir über Gott sprechen will. Ich denke: gibt’s doch gar nicht. Fange laut an zu lachen und ärgere ich mich schon, dass ich mit Francesco nicht sprechen kann. Jedenfalls nicht persönlich. Darum lege ich auf, denke aber sofort: Mist, dem hätt’ ich mal einen erzählt. Denn wenn Gott jetzt schon ein Callcenter betreibt, bei dem dann natürlich die Ansage kommt: „und jetzt drückst du die 1, denn du bist ein schuldbeladener Mensch“, und ich die 1 drücke, bin ich sofort etwas von meiner Schuld los.
Ablasshandel? Gibt’s schon. Aber in mir kommt das komische Gefühl hoch, dass die Schulden auf meinem Konto dann proportional zum Ablass steigen. Was nicht schlimm ist, weil Schulden nur Zahlen sind und nix anderes. Schließlich, so habe ich während der Schuldenkrise gelernt, gibt’s das Geld eigentlich gar nicht, alles nur Makulatur. Aber was wollte dann ein Gott damit? Das hätte ich Francesco gern mal gefragt. Und ob er sich nicht schämt, für ihn etwas einzutreiben, was es nicht gibt. Oder in seinem Namen etwas einzutreiben, das es nicht gibt. Nicht genug, dass Telefonabzocke eine doofe Erfindung ist, die Gott zulässt und fördert.
Dass er so kurzsichtig war und den Menschen erfunden hat, ist aber eigentlich noch viel schlimmer. Adam und Eva, was ein Reinfall. Und wie das so ist bei Lebewesen, die Parasiten ähnlich sind und großen Schaden anrichten, haben die sich vermehrt wie die Telefonterroristen in den Callcentern, und heute werden hunderttausende Menschen auf dem Erdball von Computern mit Anschlüssen verbunden, die völlig ahnungslosen Menschen gehören. Die Telefonterroristen tun den ganzen Tag nix anderes, als die anzurufen. Und das wird sogar von den Arbeitsagenturen unterstützt.
Ein Gott müsste her, der könnte dem Einhalt gebieten, aber jetzt ist der ja selbst schon drin, in der Mühle dieser Terroristen. Ein paar Versuche, die Menschen zu dezimieren hat er ja gemacht. Ich denke nur an Pest, Cholera, Syphilis, Aids, Masern, Fußpilz und Banker, die er in die Welt gesetzt hat, oder die ganzen Kriege, man hat der viele abmurksen lassen, wenn es ihn gibt. Vor allem Frauen, obwohl die in den Callcentern gar nicht in der Mehrheit sind. Jedenfalls haben bei mir meist Männer angerufen. Türkische Männer, was nichts ausmacht, ich habe ein Ohr für alle, nur nicht für türkische Männer, die Herbert Schmidt oder Klaus König heißen. Da kostet es mich total viel Überwindung, am Telefon zu bleiben und freundlich deren mühsam einstudiertes Geschwafel zu ertragen.
Alles Gott gegeben? Die Welt muss sich ja drehen, das nicht vorhandene Schuldengeld seine temporären Besitzer wechseln. Nur so gehen Wirtschaft und Wachstum. Vielleicht weiß Gott das und macht mit beim großen Ausverkauf auf Erden, wo nicht nur mit kriminellen Callcenter­Methoden das Letzte aus Mensch, Tier und Erde herausgepresst und abgezockt wird, dass sich die Balken biegen. Pfui, in Gottes Namen.
Jeder der ein Telefon hat, kennt es: Es klingelt am Vormittag, in der Mittagzeit, am Nachmittag und natürlich auch noch spät am Abend. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Montag oder Sonntag oder ein Tag dazwischen ist. Unbekannt steht auf dem Display. Eigentlich weiß ich schon, dass der erste Satz, den ich gleich zu hören kriege, lautet: „Frau Selmann, schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche.“
Ja, denke ich, schön für Sie, schlecht für mich. Denn jetzt muss ich mich wieder erklären und sagen, warum ich einem ungebetenen Anrufer nicht nach zwei Minuten meine Kontodaten mitsamt einer telefonischen Abbuchungserlaubnis rausrücke, wo der unbekannte Anrufer doch so nett ist.

Warum immer ich? Warum nur? Ganz einfach, weil ich nicht so unbekannt bin, wie es in diesem speziellen Fall eigentlich gerne sein würde. Weil ich irgendwann einmal an einem Gewinnspiel teilgenommen habe, in der Hoffnung, einen Mini Cooper oder einen Touareg zu gewinnen. Und wenn ich damals so viel darüber gewusst hätte wie ich heute weiß, wäre mir das nicht passiert.
Erst einmal ist diese Form der Kundenwerbung, die Kaltaquise oder auch „cold outbound“ genannt, gesetzeswidrig. Dummerweise war das, worauf ich mich eingelassen hatte, nicht nur irgendein Gewinnspiel, es war DAS Gewinnspiel überhaupt. Die Deutsche Millionenchance. Hier hat der leichtgläubige, blöde Schwachkopf, genannt Kunde, also ich, die Möglichkeit, an 4.800 Gewinnspielen teilzunehmen, muss dafür knapp 150 Euro zahlen und kriegt einen dieser Reisegutscheine im Wert von 200 Euro. Risiko ist gleich Null. Denn gewinnt der Kunde in der Spielzeit nichts, kriegt er den Einsatz ja zurück. Ganz sicher, wenn er rechtzeitig kündigt, aber dazu später mehr.
Erst kurze Zeit später schwante mir, wo das Risiko tatsächlich lag, nämlich im Verborgenen der menschlichen Niederträchtigkeit, auch bekannt unter dem Wort Gier. Die Unbekannten Callcenter-Boys and Girls riefen an. Erst eins, dann zwei, dann drei und jetzt sind es bis zu zehn am Tag. Tendenz steigend. Die Branche boomt und weil, wie wir alle wissen, diese Gewinnspiele allesamt nur dazu dienen, Adressen zu sammeln, um diese dann weiterzuverkaufen, ist auch die Millionenchance ein herrlicher Multiplikator.
Aber diese Masche hat auch Unterhaltungswert. Während ich anfangs genervt und vehement den Hörer aufknallte, wenn ein „schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche“ in der Leitung erklang, habe ich nach einer Zeit den Spies umgedreht und die Not zu einer kreativen Aufschreiberei gemacht. Danach begannen meine Erfahrungen im Umgang mit den Telefonterroristen, und zwar an einem ganz normalen Tag im Leben einer Alleinerziehenden und freiberuflichen Mutter von drei Kindern. Weihnachten und die gesamte hysterische Vorweihnachtszeit lagen hinter mir und ich total erschlagen auf dem Sofa. Ich nehme an, eine wunderbare Sissi-Schnulze lief im Fernsehen und mir eine Träne der Rührung ob der großen Menschlichkeit und Wärme im sonst so kalten Kaiserhaus über die Wange. Als plötzlich das Telefon klingelt und ich noch hoffe, dass es irgendein Freund sein könnte, einer, den man das ganze Jahr nicht gesprochen oder gesehen hatte, einer, der auch eben vor dem Fernseher liegt und denkt: „Jetzt ruf ich sie an!“
„Medistar, Küllmer, guten Tag. Sind Sie Frau Selmann?“, fragt mich indes eine mir unbekannte weibliche Stimme. Sie sagt mir, dass sie als Kundenbetreuerin der Mediastar – übrigens einem Unternehmen, dem alle Lottogesellschaften angeschlossen sind – bei mir anruft und mich fragen möchte, ob ich noch bis April Lotto spielen will. „Ich Lotto spielen?“, frage ich entgeistert, „Warum Lotto spielen?“ „Wegen der Kündigung“, antwortet Frau Küllmer.
Eigentlich wollte ich die unbedingt und schnell zum Auflegen bringen. Aber als ich mich mit ihr im „wer legt als erstes auf“ Wettbewerb sah, war mein Ehrgeiz geweckt. Ich legte mich ins Zeug und fragte nach meiner Kundennummer. Die Dame, die sich Kümmer nennt, schnauft und das hört sich genervt an. Also frage ich noch einmal: „Wie ist meine Kundennummer bei Ihnen?“ Was soll ich sagen, ich geh’ ich der Dame auf den Geist, und das sagt sie mir auch. „Sie gehen mir auf den Geist“, so hat sie es gesagt. Aber ich bin noch so dreist und frage, ob eine Kundenbetreuerin wie sie, deren Aufgabe es ist, für die Kunden und deren Zufriedenheit zu sorgen, einer Kundin sagen kann, dass sie ihr auf den Geist geht? „Geht das nicht ein bisschen zu weit, Frau Küllmer?“, frage ich und bleibe naiv nett. Das ist wohl nach Weihnachten auch zu viel für die Kundenbetreuerin Küllmer, denn diese verabschiedet sich sehr schnell mit den Worten: „Ach, halt doch deine Fresse!“ und legt auf. Und während Kaiser Franz seiner Sissi gerade väterlich und sanft über die meterlangen Haare streichelt, sehe ich den Telefonhörer an und frage mich, was das eben war? Aber ich habe gewonnen. Sie hat aufgelegt.

Ein paar Tage später, es ist gerade kurz nach Zwölf, ich setze das Nudelwasser auf, weil meine Kinder nach der Schule immer hungrig wie die Wölfe sind und nicht noch lange auf ihr Essen warten möchten. Unbekannt steht auf dem Display. Mit dem Kopf im Topf nehme ich das Gespräch entgegen. „Hier ist Nebel!“, rufe ich in den Apparat, derweil die Dunstabzugshaube über mir mit in den Hörer brüllt. „Ich hätte gerne Frau Selmann gesprochen, ist die da?“, fragt irgendjemand in der Leitung. Und ich, aus der Tiefe des Spaghettitopfes: „Ist am Apparat!“
Jetzt ist erst einmal Funkstille. Verdutzt sehe ich noch einmal auf das Display. Unbekannt. Dann höre ich die Stimme wieder. Sie ist männlich, türkisch und kommt aus einem Callcenter. Während ich mir fast die Finger verbrenne und kurz aufschreie, beginnt mein Gesprächspartner zu lachen. Und eigentlich möchte ich jetzt vor Wut den Hörer ins Wasser werfen.
„Hallo?“, frage ich in das Lachen hinein.
„Ja, Frau Selmann?“, fragt er zurück und ich: „Ja“, obwohl ich niemals mit Ja antworten wollte.
„Schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Ich ruf an von Lotteriezentrale aus München. Im Nebenzimmer sitzt Günther Jauch. Ich bin Sachbearbeiter hier. Habe ich vor mir eine Liste von 2.500 Kunden, die noch nie etwas haben gewonnen. Sie sind ein Glückspilz.“
„Sicher, bin ich ein Glückspilz, schließlich hab’ ich noch nie was gewonnen und werde es auch in Zukunft nicht.“ Jetzt schütte ich die Nudeln ins Wasser.
„Ihre Gewinnlose sind gekoppelt an ein Garantiegewinn. Sie haben jetzt schon 5.000 Euro gewonnen. Sie müssen nur teilnehmen an Lotterie und Gewinnbestätigung abwarten. Sie bekommen Gewinn direkt ausgezahlt und das Beste ist: Ihre Los bleiben während die gesamte Spielzeit in die Lotterie! Das gab es noch nie! 98 Prozent Gewinnchance. Sie nehmen teil sechs Monate lang und können versechsfachen diesen Gewinn. Das können auch Sie nicht ausschlagen.“ Ich warte dauernd auf: Hörst du?, oder: Guckst du?, das sagt er aber nicht.
„Also guter Mann, wie war gleich Ihr Name?“
„Selank, ich heiße Selank….“, der Rest geht im Gemurmel der anderen Kollegen des Callcenters und im blubbernden Nudelwasser unter.
„Ich gewinne nie etwas, und 98 Prozent Gewinnchance heißt doch in Wahrheit, dass es zwei Prozent Verlierer gibt.“
„Zwei geht gegen Null.“
„Oder man 12,50 Euro gewinnt und das war es dann.“ Jetzt rede ich schon wie er.
„Nein, Sie gewinnen 1.000 Euro auf jeden Fall, sonst wäre es keine Gewinn, und Lotterie muss bei Ihnen was wiedergutmachen.“
Was für ein inflationäres Gespräch? Eben waren es doch noch 5.000 Euro Sofortgewinn.
„Ich weiß nicht, …“
„Wir haben Traumautos und Traumhäuser, Renten, viele Millionen Euro!“
„Hm, na ja, vielleicht sollte ich dieses eine Mal mitspielen.“
„Eine gute Entscheidung. Sie werden nicht bereuen! Ihre Bankdaten haben wir, buchen wir ab 100 Euro pro Monat. Sechs Monate. Und wenn Sie haben gewonnen, wir uns treffen werden auf einen Kaffee, so wie mit die anderen Gewinner auch.“
Spätestens jetzt müsste mir klar sein, dass er dann diesen Job gar nicht machen könnte, denn bei 2.500 Gewinnern wäre er ja nur noch am Kaffee trinken, hätte davon schon ein Magengeschwür und könnte gar keine Kunden fangen. Obwohl, vielleicht vertragen die Türken mehr Kaffee als andere?
„Sie haben meine Bankdaten?“
„Ja“, sagt er selbstsicher und sagt sie auf. Und ich habe sie mit „Ja“ bestätigt. Wie blöd muss man sein, so etwas zu tun?
Nachdem ich mich von diesem Schock erholt hatte, dachte ich instinktiv, dass es total falsch ist, 600 Euro zu investieren. Um meinen Bockmist vor mir selbst herunterzuspielen, glaube ich mich schnell auf der sicheren Seite der 98 Prozent, und die kriegen 5.000 Euro!
Also: „Ja“, und das nur, weil es ein Selbstversuch ist, für die Recherche! Aber trotzdem, unter diesen Umständen ist instinktiv gleichzusetzen mit: idiotischerweise intendieren; oder: intensiv gegen die eigenen Grundsätze intervenieren; oder: intuitiv immer das Falsche machen. Auf jeden Fall total irre!
Allerdings wäre ein Geldregen nicht schlecht. Nicht schlecht stimmt nicht ganz. Es wäre der totale Superwahnsinn und der Plotter des Kontoauszugsdruckers meiner Bank würde unter der siebenstelligen schwarzen Zahl sicherlich das Qualmen anfangen. Es besteht der total überhöhte Prozentsatz einer Chance, dass es klappt. Selank hat’s gesagt! Wer viel gibt, der viel kriegt. Ansonsten nehme ich eben ein Auto oder die Reise. Aber sechshundert Euro Einsatz!?
„Selank?“, frage ich in den Apparat. Aber der hat schon aufgelegt. Wahrscheinlich macht er eben eine Flasche Sekt auf und trinkt jetzt einen mit Freund Günter auf die dumme Kuh, die er eben übers Ohr gehauen hat.
Ich brauche frische Luft und bringe deshalb den Müll raus. Die Nudeln sind mehrfach übergekocht und von der Küchendecke tropft der kondensierte Wasserdampf. Woher hatte der meine Bankdaten?

Wussten Sie, dass es über 5.500 Callcenter in Deutschland gibt? Ein Drittel von denen sind Dienstleister, die uns in technischen Fragen zur Seite stehen sollen, zwei Drittel sind Abzocker. Der Bundesverband der Verbraucher schätzt, dass eine Millionen Anrufe pro Tag aus diesen Büros kommen. Dabei haben die mittlerweile über 500.000 Mitarbeiter und die rufen bis zu 80 arme Seelen am Tag an!
Rechnung: 500.000 x 80 = 4 Millionen Anrufe pro Tag. Was für eine Horrorzahl. Bei 4 Millionen Anrufen pro Tag, wobei jeder auf der Liste vielleicht zehn Mal angerufen wird, bleiben außer mir noch 399.999 andere Leute, die auch noch täglich terrorisiert werden. Meist trifft es Arbeitslose, Hausfrauen oder Rentner, die tagsüber zu Hause sind, sich die Millionenchance nicht entgehen lassen wollen und damit genau ins Beuteschema der Abzocker passen. Ich habe ausprobiert, die Anrufer zum Aufgeben zu bringen, in dem ich vorgab von Hartz IV leben zu müssen oder eben gerade eine Millionen gewonnen hätte, aber es half nichts, die versuchten dennoch an meine Kontonummer zu kommen. Denn das ist deren Ziel. Tag ein, Tag aus. Und wenn man einmal die Bankverbindung rausgegeben hat, tut man gut, die Kontoauszüge täglich zu überprüfen. Besser noch, Konto auflösen und neues Konto eröffnen. Das habe ich dann ziemlich bald auch machen müssen.
Seit Selank mich gelinkt hatte, klingelte und klingelte mein Telefon über Wochen und Monate. Dass Unbekannt nicht eine meiner Freundinnen sein kann, weiß ich spätestens jetzt, gehe aber dennoch ran, weil Frauen ja bekanntermaßen neugierig sind. Der Anrufbeantworter ist immer voll mit unbekannten Anrufen und wortlosen Bandansagen. Und das nervt. Meinen Kindern muss ich die strickte Anweisung geben, nichts am Telefon über uns zu erzählen, was mir im Nachhinein als total schwachsinnig vorkommt, da ich selbst ja alles preis gegeben habe, was man niemals preisgeben soll. Vor allem nicht die Kontonummer, aber die brauchen die ja, um das ganze viele Geld schnell gutschreiben zu können, wie sie immer wieder beteuern. Nur verheimlichen sie dabei, dass die nicht eine Kontogutschrift beim Kunden meinen, sondern die bei ihrer Firma.

Es gab dennoch ein paar Nette unter den Hunderten von Unbekannten. Einige zeigten Verständnis darüber, dass ich sie beim Anruf in unseren Tagesablauf einbezog. Sie mussten selbst darüber lachen, wenn ich danach fragte, ob sie wüssten, wie sich die Gewaltenteilung definiere, weil ich eben mit der Tochter an den Hausaufgaben säße. An einen Kundenbetreuer erinnere ich mich besonders gerne, weil der tatsächlich versuchte mit mir das Ergebnis einer schwierigen Gleichung herauszufinden, die ich wahllos dem Mathematikbuch meines Sohnes „Klasse 6“ entnommen hatte. Er konnte sie nicht lösen und Biologie war auch nicht so das Fach dieses Unbekannten. Allein bei der simplen Frage, ob das XY-Chromosom bei Männern oder Frauen vorkommt, konnte er mir nicht weiterhelfen.
Ich begann eine Liste von Fragen zu erarbeiten.
Wie heißt unser Bundespräsident?
Wie viele Bundesländer haben wir?
Welches Tier ist das größte Waldtier Deutschlands?
Wie viel sind 28 Prozent von 100 Euro?
Und so weiter. Weder waren es viele, noch waren es schwere Fragen, aber viele falsche Antworten und die Erkenntnis, dass Deutschland nicht erst in naher Zukunft verblöden wird, sondern schon längst verblödet ist. Denn weder ist Angela Merkel das größte deutsche Waldtier, noch wir haben wir ungefähr 30 Bundesländer und 28 Prozent von 100 sind nicht 87 und auch nicht ungefähr! Beim Bundespräsidenten scheiden sich die Geister. Aber egal, was die sagen, sie haben bei den sogenannten Kunden trotzdem immer wieder Erfolg. Diese Art der Callcenter-Mitarbeiter-Verarsche musste ich aber einstellen, denn die meisten legten zu schnell wieder auf. Vielleicht waren die Fragen zu schwer, möglich auch, dass sie einfach nur genervt sind, von den Deppen am anderen Ende der Leitungen.

Vielleicht ist der gehirnfreie Telefonterrorismus unser aller Zukunft? Das Einzige, was uns die Globalisierung so richtig spüren lässt, denn Daten verteilen sich ja so schnell. So schnell sag ich Ihnen, wie wir uns das nicht im Traum vorstellen können. Also hören wir auf uns zu quälen und konzentrieren uns auf das, was wir sehen und hören.
Rein psychologisch gesehen, kann man den Callcenter Boys and Girls gar keinen Vorwurf machen. Denn die machen ja auch bloß ihren Job, sonst wären sie vielleicht arbeitslos und würden von anderen Telefonteufeln attackiert. Also sind sie irgendwie Opfer ihrer selbst. Sogar ich dachte, ich könnte ihnen einen Weg aus diesem Teufelskreis aufzeigen, den sie gehen können. Sie müssten halt einsehen, dass alles so unendlich blöd ist, was sie da tun. Allerdings vermitteln selbst unsere Arbeitsagenturen Menschen in diese Jobs. Die Leute müssen dort hingehen und sich um einen Job bemühen. Im schlimmsten Fall kriegen sie den, fangen an, merken, wie sehr sie vom Weg abkommen, wollen vielleicht kündigen, weil sie das mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, bekommen dann aber zur Strafe eine monatelange finanzielle Sperre vom Staat. Arme Telefonteufel im Teufelskreis.
Ich ließ mich also auf Gespräche mit diesen Teufeln ein. Manchmal war das richtig witzig. Aber einige sind ja so sensibel, dass die ausgerastet sind. Verständlich, wenn einer bei jedem seiner Betrugsgespräche diesen ersten Satz sagen muss: „Schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche“ und dann werden er oder sie, von 95 Prozent der Telefonkunden beschimpft, weil die sich belästigt fühlen. Der Hörer wird brutal aufgeknallt und das kratzt an der Psyche eines Telefonteufels. Dabei sind das auch nur Menschen. Jedenfalls vor diesem Job sind sie welche gewesen.
So was wie die Deutsche Millionenchance ist für mich bei allem wie die Leitzentrale für den organisierten Telefonterror, denn die hat dafür gesorgt, dass meine Adresse tausendfach in Umlauf kam. Und ich habe sie dafür auch noch bezahlt!
Aber nach zwei Jahren ist Schluss damit, dachte ich jedenfalls. Meine Kündigung, die rechtzeitig per Post eingeschickt wurde, kam angeblich nie im Hause Millionenchance an. Nach Ablauf der Kündigungszeit kam ein Schreiben, in dem mir mitgeteilt wurde, dass mir wiederum der Betrag von 150 Euro abgebucht werde, damit ich wiederum für zwei Jahre mit meiner Adresse die Callcenterbranche antreiben darf.
„Nie und nimmer!“, schrie ich in mich hinein und schrieb ein Mail, dass ich unter keinen Umständen mehr die Erlaubnis zur Herausgabe meiner Adressdaten gebe. Dass ich auch keine Einzugserlaubnis für dieses Spiel gebe, weil ich die Kündigung ja schließlich rechtzeitig abgeschickt hatte. Außerdem verlange ich den Einsatz zurück. Die Millionenchance wollte mich aber erst nach Zahlung der 150 Euro aus dem Vertrag entlassen. Dann schrieb ich dem Unternehmen einen gesalzenen Bettelbrief mit der Ankündigung, alles in meinem Buch zu veröffentlichen, was ich hiermit tue.
Günter Wallraff beschrieb ebenfalls die Methoden der Telefonteufel und deren Schulungen. In seinem Artikel Undercover, den er für die ZEIT recherchierte, deckte er auf, dass sich Lotto- oder „Lottispieler“, wie sie sich auch nennen, mit 240 Mitspielern einen überteuerten Systemschein teilen, diese eine Chance von 1 : 14 Millionen haben und im Höchstfall 4.200 Euro gewinnen. Vom erträumten Millionenglück bleibt also de facto nicht mehr viel übrig.
Es ist auch nicht wirklich geklärt, ob das Geld, das den Telefonopfern vom Konto abgebucht wurde, tatsächlich in Lotto- oder Lottischeine investiert wird, da der Geldfluss kaum nachvollzogen werden kann.
Die per Zeitungsanzeige geworbenen oder von der Agentur für Arbeit vermittelten Mitarbeiter der Callcenter würden angewiesen, ihr Gewissen zu Hause zu lassen und sich „Künstlernamen“ zuzulegen, damit niemand nachvollziehen könne, vom wem er letztendlich übers Ohr gehauen wurde. Die Mitarbeiter bekommen falsche Auskünfte und müssen oftmals eine Erklärung unterschreiben, die bestätigt, dass sie jeden Kunden im Gespräch wahrheitsgetreu beraten und sie über Risiken und Geschäftsbedingungen aufklären. Sie haften für ihre Angaben stets selbst. So Wallraff.
Aber da diese gewinnbringende Geschäftsidee eh gesetzeswidrig ist, wird die Telefonnummer unterdrückt, auch das ist laut Verbraucherschutzgesetz verboten. Ab Januar 2009 muss eine Telefonnummer sichtbar sein. Manche sind das auch, aber die kann man nicht zurück verfolgen. Und deshalb, ganz unter uns: Es wird weiterhin alles so bleiben, wie es ist! Das Unbekannte daran ist das Unbekannte drum herum, das jedenfalls glaube ich es so verstanden zu haben.
Die Politik scheint nicht wirklich etwas dagegen tun zu wollen. Gesetze kommen zu spät oder beschlossene Gesetze werden nicht durchgesetzt. Irgendwie ist es aber auch verständlich, denn immerhin wollen die Callcenterfirmen ihre Mitarbeiterzahlen verdoppeln und das lässt Arbeitslosenquoten sinken. Sieht gut aus in der Statistik und macht nicht nur die Telecom reich, denn diese Abzockerfirmen zahlen ja auch Steuern. Also, bin ich nett zu denen. Ein paar meiner gefühlten 450 Gespräche habe ich aufgeschrieben. Die Firmen und Mitarbeiternamen wurden mir so genannt. Da ich davon ausgehe, dass es die Damen und Herren unter diesem Namen nicht wirklich existieren, brauche ich sie auch nicht umtaufen und verletzte wohl kaum irgendein Gesetz, das diese Daten schützen könnte. Übrigens: ich heiße Selmann und nicht Sell= verkaufen, und man = Mann.
Schön, dass Sie gewillt sind, diese Geschichten zu lesen. Schließlich schrieb sie das Leben, und ich nur auf. Hier finden Sie einige Tipps im Umgang mit Telefonterroristen: Vielleicht hilft es Ihnen, den Telefonterror einmal genießen zu können.

„Sei nett und wirke hilflos“
„Hallo?“, frage ich langsam, als ich das Wort „Unbekannt“ auf dem Display meines Telefons lese, nachdem es mich aus der letzten hinteren Ecke des Gartens ins Haus geklingelt hat.
„Hallo Frau Selmann, Jürgens hier, von der Deutschen Superchance.“
„Wovon?“, frage ich wiederum sehr langsam nach, weil ich Zeit schinden will, um mir Stift und Zettel zu holen. Außerdem darf mein Gegenüber gerne der Meinung sein, dass ich etwas langsam schalte. Vielleicht spricht er dann langsamer zum Mitschreiben?
„Von der Deutschen Superchance“, antwortet ein junger Mann mit türkischem Akzent in Silben.
„Ah, jetzt habe ich Sie verstanden Herr… Wie war gleich Ihr Name?“
„Jürgens. Ich rufe an wegen Kündigung.“
„Kündigung?“, frage ich den Türken, der Jürgens heißt. Möglich, dass er gerade gestern Abend in einem Udo Jürgens Konzert war und jetzt einen passenden Künstlernamen gefunden zu haben glaubt. Für mich wirkt’s aufgesetzt.
„Ja. Sie spielen ja jetzt noch mit bis März und ich wollte Ihnen fragen, ob das ist in Ordnung?“
Die alte Masche mit der Kündigung.
„Das ist ja nett von Ihnen Herr Jürgens. Ich spiele noch bis März mit? – Äh, ich weiß nur nicht genau, wobei.“
„Das ist Lotto!“, sagt er und klingt schon leicht genervt. Der legt bestimmt bald auf, das hab ich im Gefühl.
„Was hab ich denn bisher gewonnen? Ich müsste das genau abwägen.“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin für Kündigungen zuständig.“
„Ja, das verstehe ich. Aber, ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann ich bei der Superchance mitgespielt haben soll. Können Sie mir meine Kundennummer sagen?“
„Hallo? Herr Jürgens?“ Wusste ich’s doch! Aufgelegt der feige Hund. Nach nicht mal zwei Minuten.

„Wortspiele sind erlaubt“
„Frau Selmann, gut, dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Mein Name ist Wagener von der Firma G Winn.“
„Was Gewinn?“, frage ich nach und finde diesen Namen so idiotisch, dass er schon wieder gut ist. Wer zum Teufel kommt auf so eine Geschäftsidee?
„Nein, nicht Gewinn. G Winn. Sie haben einen Lottoschein ge wonnen.“
„Wissen Sie was, Frau Wagener, ich habe das immer noch nicht verstanden. Wären Sie so freundlich und würden das für mich mal buchstabieren?“
„G, wie Günter und dann Leertaste und Winn, wie Winnetou, der Häuptling“, sagt sie freundlich.
„Ach so, wie der Indianer. Ist der auch Kunde bei Ihnen?“, frage ich dämlich nach.
„Nein, der ist schon tot“, antwortet sie etwas unsicher. Darüber wäre Pierre Price bestimmt nicht glücklich.
„Oh, das tut mir aber leid.“ Jetzt müsste sie gemerkt haben, dass ich sie eben hoch nehme.
„Frau Selmann, Sie haben einen Lottoschein gewonnen und können jetzt drei Monate kostenlos Lotto spielen“, flötet sie in mein Ohr.
Ich weiß, denke ich, und dann kriege ich das Geld zurück, was ich vorher dafür zahlen musste und das nur, wenn ich nix gewinne, weil, wenn ich was gewonnen habe – so 2,50 Euro – dann ist der Einsatz von 150 Euro weg.
„Ich kriege was geschenkt?! Frau Wagener, das ist mir ja noch nie passiert!“, sage ich überschwänglich.
„Dann ist es gut, dass ich Sie angerufen habe“, freut sich die Dame, die genau weiß, was sie mir da eigentlich verticken will. Das sind allesamt überteuerte Systemschein, möchte ich am liebsten ins Telefon schreien, aber dann ist diese Recherche für diesen Anruf zum Teufel und das soll es mir wert sein. Diese paar Minuten vom Schreibtisch aus. Noch nie schien mir das Schreiben einer Kurzgeschichte so einfach zu sein, wie diese. Denn hier musste ich tatsächlich nur mitschreiben.
„Ja, ich freu mich so, ich werde so selten angerufen!“, juchze ich vor gespieltem Glück.
„Sehen Sie, Frau Selmann, dann sind wir ja beide glücklich“, sagt die blöde Kuh, die so alt sein könnte wie ich. Vielleicht ist die blöde Kuh auch nur einen arme Frau. Vielleicht ein Opfer unserer Agentur für Arbeit und muss so einen Hohljob machen. Hat die keinen Mann, der sich mal um sie und ihre Finanzen kümmern könnte?, frage ich mich ernsthaft.
„Lottospielen und gleich gewinnen, ja das wäre wirklich toll!“ Ich höre mich wirklich richtig echt an.
„Ja, Sie spielen Lotto, gewinnen viel Geld damit und freuen sich hoffentlich noch lange über dieses Geschenk. Dazu muss ich nur Ihre Daten abgleichen, also Sie heißen“, im Hintergrund höre ich sie tippen, „Sie wohnen“, wieder tippt sie, „Sie sind wie alt?“, fragt sie mich.
„Warum wollen Sie das wissen?“, ist meine Gegenfrage.
„Weil Sie über 18 sein müssen, um am Glücksspiel teilnehmen zu dürfen.“
„Aber ich will doch gar nicht am Glücksspiel teilnehmen. Glücksspiel kann süchtig machen. Wussten Sie das nicht Frau Wagener?“, ist mein Einwand nach mehr als 5 Minuten verschenkter Zeit mit einem Gespräch, das mir aufgezwängt wird und das ich eigentlich nur aus Gründen verdeckter Ermittlungen zu führen bereit bin.
„Aber dann gewinnen Sie auch nichts.“
„Ja, dann eben nicht“, sage ich schnippisch und wirke schizophren.
„Sie sind also über 18 Jahre und ihre Kontonummer ist wie?“
„Das sage ich Ihnen doch nicht!“, erwidere ich energisch.
„Das müssen Sie aber, sonst können wir Ihnen den Gewinn nicht überweisen und kommen nicht ins Geschäft.“
„Ich will mit Ihnen in kein Geschäft!“
„Warum muss ich so ein langes Gespräch führen? Hä? Das hätten Sie mir auch schon früher sagen können!“, schreit sie mich an und klingt dabei hysterisch.
Um sie zu beruhigen sage ich deshalb ganz ruhig: „Frau Wagener, ich schenke ihnen den Lottoschein, dann ge winnen Sie bei G Winn und brauchen diesen Hohljob in Zukunft nicht mehr zu machen.“
„Ich verklage Sie wegen Beleidigung!“, zischt sie in den Apparat.
„Nur zu. Meine Daten haben Sie ja. Und ich wünsche ihnen damit viel R Folg. Richard Leertaste Folg, wie das Volk nur mit Friedrich.“ Dann lege ich auf und freue mich über dieses kleine Wortspiel. 6 Minuten 18.

„Immer nur „Ja“ sagen, kurz und schmerzlos“
„Selmann, hallo?“, sage ich, nachdem es nur einmal geklingelt hat. Den Hörer hatte ich noch vom vorherigen Gespräch am Ohr.
„Hallo, Irene Dreher hier von der Lottoallianz.“
„Ja.“
„Sind Sie Frau Selmann persönlich?“
„Ja.“
„Schön, dass ich Sie erreiche.“ Die scheidet schon in der Vorrunde aus, denn sie hat ihren Text vergessen, und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen: dass heißt: Schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Aber jetzt sage ich nur: „Ja.“
„Ich wollte Sie nur daran erinnern, dass Ihr Lottoabo jetzt abläuft, nur damit Sie das nicht vergessen.“
„Ja.“ Und jetzt bloß nicht sagen, dass ich ja gar kein Lottoabo hab, denn sonst habe ich ganz sicher eines nach dem Gespräch.
„Gut, dann … Tschüss“, sagt sie resigniert, weil sie jetzt gar keinen Text mehr hat.
„Ja“, sage ich und lege auf. Nach etwa einer Minute schon. Vielleicht hatte sie heute ihren ersten Tag im Callcenter. Und schon kurz nach dem Gespräch habe ich die Angst, dass ich mit diesem kurzen aber deutlichen Ja viele Dinge bestätigt haben könnte. Hoffentlich hab ich kein Auto gekauft oder eine Kreuzfahrt. Wir werden sehen.
„Nein, isch möschte nicht“
„Müller hier von der Schanze 100“, höre ich jemanden total schnell nuscheln. „Wovon?“, frage ich, weil ich tatsächlich Schanze verstanden habe und nicht Chance, dieses aus dem Französischen stammende und gut klingende weiche Wort „Chance“. Er sagte Schanze, wie die Sprungschanze. „Schanze 100, die 12 Monate waren Ihnen zu lang. Deshalb rufe ich Sie noch mal wegen der Kündigung an. Wir haben schon mal miteinander gesprochen.“
„Wie war doch gleich Ihr Name? Ich hab Sie nicht verstanden“, frage ich noch mal nach.
„Dieter Müller“, wieder mit türkischem Akzent!
„Ah, jetzt, Herr Müller. Nein, wir haben noch nicht miteinander gesprochen.“
„Dann war’s jemand anderes.“
„Aber nicht aus dem Haus Schanze 100.“
„Sie wissen das sicher nicht mehr“, konterte er. „Also Sie spielen jetzt noch drei Monate mit und dann können Sie kündigen.“
„Wobei spiele ich mit?“
„Bei 100 Gewinnspielen.“
„Nein, lieber nicht.“
„Warum nicht, Frau Selmann?“
„Weil Sie meine Adressdaten dann 100 Mal verschicken!“
„Nein, das machen wir nicht!“
„Kriege ich dann alle Gewinne direkt von Ihnen?“
„Ja, aber wir sind nicht alle.“ Das hat der wirklich gesagt. Vielleicht meinte er: wir haben sie nicht alle?
„Wer sind denn die alle?“, frage ich nach. Bei dem muss ich höllisch aufpassen, dass ich auch alles mitkriege.
„Audi und so.“
„Ach so. Was kann ich denn gewinnen?“
„Bargeld, Autos und Schmuck von einem Juwelier aus Köln, ich weiß aber jetzt nicht, wie der heißt.“
„Und die schicken die Gewinne zu Ihnen und Sie schicken die dann weiter zu mir?“
„Nein!“
„Ja, wie denn jetzt?“
„Also wir schreiben nur Ihre Adresse auf die Preisausschreiben und Sie haben 100 Prozent Gewinngarantie!“
„Wie soll das denn gehen? Nirgends gibt’s 100 Prozent!“
„Bei uns schon. Jetzt spielen Sie doch mal mit. Nur drei Monate, bitte Frau Selmann!“, beginnt er mich anzuflehen.
Und ich antworte, wie die Dame in Horst Schlemmers Musikstück: „Nein, isch möschte nicht.“
„Aber warum denn nicht? Frau Selmann, Sie gewinnen doch auch was.“ Jetzt versucht er es, indem er den Enttäuschten spielt.
„Weil isch nischt möschte“, flöte ich.
„Ach, jetzt machen Sie doch mal mit! Nur drei Monate!“
„Nein, isch möschte nicht.“
„Sie müssen mir nur Ihre Kontodaten geben, damit die Bargeldgewinne direkt auf Ihr Konto überwiesen werden können.“
„Nein, isch möschte nicht.“
„Aber warum denn nicht?“
„Weil ich meine Kontodaten an niemanden weitergebe.“
„Aber, mit denen passiert doch nichts“, säuselt er in mein Ohr.
Und weil ich jetzt laut lachen muss, legt er auf. Immerhin habe ich ihn mehr als neun Minuten beschäftigt.

„Binde die unbekannte Person in deine Probleme ein“
„Hallo? Vater bist du das?“ Man, ist das blöd, denke ich, aber so war mein erster Satz, als ich Unbekannt lese.
„Äh, nein Buntsch hier.“
„Ach so.“
„Frau Selmann, schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche“, schnurrt eine äußerst männliche Stimme in mein linkes Ohr.
„Ja, ganz persönlich“, sage ich und überlege, was ich ihn fragen werde. Vielleicht, ob sein Vater ihn geschlagen hat? Aber darf man die Telefonteufel überhaupt mit solchen Dingen aus dem Arbeitsalltag reißen? Möglich, dass die dann einen kleinen Amoklauf im Callcenter starten und alle Kollegen abknallen. Allerdings, wenn das passieren würde, hätten wir in Deutschland ein paar Millionen Telefonanrufe weniger am Tag. Arbeitsplätze gingen verloren. Die Wirtschaft käme noch mehr ins Straucheln und viele Menschen hätten gar keinen Ansprechpartner mehr. Also geht das auf gar keinen Fall!
„Hubert Buntsch mein Name. Tele-2 bietet Ihnen ein einmaliges Angebot …“, sagt er und holt tief Luft um mir den Rest auch noch zu erklären, da falle ich ihm mit: „Hatten Sie einen Vater, der sie geschlagen hat?“ ins Wort.
„Was meinen Sie damit?“, fragt er irritiert.
„Ich weiß, das ist jetzt nicht der richtige Moment, aber ich muss einfach mal mit jemandem darüber reden. Wissen Sie, ich habe sonst niemanden mehr auf dieser Welt, und mein Vater, Gott hab ihn selig, der kann jetzt nichts mehr gutmachen und ich weiß nicht, wie ich ihn erreichen kann. Immer wenn das Telefon klingelt, denke ich, er ist es und … Hallo? Herr Buntsch? Sind Sie noch dran?“ Aufgelegt. Juchhuuuu, ge wonnen!
„Mit vollem Mund spricht man nicht“
Weil ich so viel zu schreiben habe, müssen meine Kinder heute auf ein selbstgekochtes Mittagessen verzichten. Pizzabringdienst ist die Rettung und wird im übrigen gerne genommen. Ich verzichte auf ein fettes Essen, habe mir einen Apfel gegönnt und während meine Kinder sehr zufrieden mit dem Tag und dem Mittagessen sind, lege ich mich zur besseren Apfelverdauung auf das Sofa. Beinahe wäre ich über dem knurrenden Magen eingeschlafen, da klingelt es schon wieder.
„Hallo Frau Selmann?“, fragt eine Frau, die sich mit Unbekannt auf dem Display anmeldet. „Was wollen Sie?“, schreie ich forsch ins Telefon, weil ich mich über mich ärgere, wie Rumpelstilzchen persönlich, das jetzt seinen Hunger wieder spürt.
„Sind sie Frau Selmann?“
„Warum?“, jammere ich müde.
„Ja oder nein?“, nuschelt eine Frau, die mit vollem Mund spricht.
„Was wollen sie?“, frage ich und denke, die sollte nach ihrem Mittagessen anrufen und nicht währenddessen. Außerdem bin ich unterzuckert. Das ist bekanntlich schlecht für einen ausgeglichene Konversation.
„Also, ich nehme mal an, dass sie Frau Selmann persönlich sind. Schön, dass ich sie gleich erreicht habe.“ Ich glaube es nicht! Die macht das mit Essen im Mund. Schon wieder eine mit einer abzuarbeitenden Telefonliste von 2.500 Kunden. Nur ist hier der Schwierigkeitsgrad höher, denn sie verdrück während des Kundengesprächs ein Steak oder Würstchen.
„Was wollen sie mir verkaufen? Pizza, Pasta?“, frage ich ungeduldig.
„Ich will ihnen doch nichts verkaufen. Sie haben etwas gewonnen! Sie sind unter Tausenden…“, beginnt sie ihren Standartsatz und trinkt einen Schluck. Und bevor sie ein Bäuerchen in den Hörer rülpst, beende ich diesen Satz mit: „…von Idioten ausgewählt worden, um ein noch größerer Idiot zu werden! Prosit!“
„Also,“ – mampf, mampf – „so können sie die Sache beim besten Willen nicht sehen.“
„Ich will die Sache nicht sehen und nicht hören!“ Und auch keine Krümel im Ohr haben, denn mittlerweile habe ich schon das Gefühl, dass sich ihr Essen durch den Hörer meines Telefons drückt.
„Also, noch mal: Sie sind unter Tausenden ausgewählt worden, um ….“
„… um auch Ihnen meine Bankdaten zu geben?“
„Frau Selmann, so kommen wir nicht weiter.“
„Nein, so sicher nicht.“
„Wie heißen Sie eigentlich?“, frage ich sie.
„Maria Schüssler“
„Oh, das tut mir leid!“
„Was?“
„Klar, dass man mit einem solchen Namen keinen anderen Job finden kann!“
Sie legt auf. Mist! Der hätte ich noch ein paar klare Worte gesagt. Ich bin eben erst in Fahrt gekommen. Jetzt weiß ich weder wie die Firma heißt, für die sich unerlaubter Weise eine Kaltaquise durchführt, noch kann ich sie nach ihrer Telefonnummer fragen. Das nehme ich mir für den Nächsten vor, der auch unmittelbar darauf anruft.
„Slipeinlagen geben Sicherheit“
Als das Telefon kurze Zeit später wieder klingelt, gehe ich schnaubend ran. Jetzt um zehn Minuten vor Drei begrüßt mich eine weibliche Stimme mit: „Supercall, guten Tag.“
„Super.“
„Sind Sie Frau Selmann?“
„Jupp, was wollen Sie?“
„Schön, dass ich Sie erreiche.“
„Persönlich!“
„Was?“
„Sie haben das Wort „persönlich“ vergessen!“, erinnere ich sie.
„Welchen Internetanschluss haben Sie?“
„Was?“
„Ihren Internetanschluss? Von welchem Anbieter?“
„Das geht Sie gar nichts an“
„Sagen Sie mir doch einfach eben, welchen Internetanschluss Sie haben.“ Die lässt nicht locker und so dreist!
„Ich frage Sie doch auch nicht, welche Slipeinlagen sie benutzen.“
„Also so was!“, sagt sie entrüstet.
„Schwitzen Sie nie?“, frage ich.
„Warum?“
„Die können Sie sich im Achselbereich ins Shirt kleben“, rate ich ihr, falls sie das Transpirieren anfängt und jetzt Schweißränder kriegt.
„Warum erzählen Sie mir das?“, fragt sie mich genervt.
„Keine unerlaubte Telefonwerbung sollte umsonst gewesen sein“, sage ich ihr freundlich, mit dem Gefühl den Spieß umgedreht zu haben.
„Was jetzt?“, versucht sie es wieder.
„Wie, was jetzt?“
„Welche Verbindung?“
„Sag ich ihnen nicht.“ Und hätte am liebsten noch ein bäh bäh bäh hinterher geschickt.
„Warum nicht?“
„Wie heißen Sie eigentlich?“, beginne ich den Gegenangriff.
„Sag ich nicht.“
„Ich schlage vor, Sie gehen Superslipeinlagen kaufen und kleben sie sich die auf den Mund!“, sage ich frech und lege auf. Ich fühle mich gut dabei.
„Supercall-Super12-SuperChance-Superhirn“
Unglaublich, aber wahr. Es vergehen geschlagene zwei Stunden bis zum nächsten Anruf. Ich glaube fast, dass keiner mehr jemals wieder von mir etwas will. Ich fühle mich schon richtig unwichtig, als es endlich klingelt und Unbekannt im Display wieder hoffen lässt.
„Hallo Frau Selmann?“
„Ja, hallo?“, sage ich mit sonorer Stimme.
„Oh, gut dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Hier ist Haake von der SuperChance Premium. Ich wollte nur nachfragen, ob das bei Ihrer Gewinnspielteilnahme bleibt?“
Ich muss mich zwingen, freundlich und unwissend zu klingen.
„Also, ich weiß jetzt gar nicht von welchem Gewinnspiel Sie sprechen“, sage ich erst mal, um Zeit zu schinden und zum Schreibtisch zu laufen.
„Ja, das sind Häuser, Autos, Traumreisen und viele Millionen“, höre ich ihn sagen.
„Und wo soll ich mitgespielt haben?“
„Also Frau Selmann, Sie wissen das gar nicht mehr?“ Woher auch, hab ich ja auch nicht gemacht.
„Nein.“
„Unser Herr Wagner hat Sie am 24. Juli angerufen und gefragt, ob Sie mitspielen und dem haben Sie Ihre Daten gegeben.“
„Meine Daten?“, frage ich erstaunt nach.
„Wissen Sie das wirklich nicht mehr?“
„Nein. Wie heißt denn die Firma, für die Sie arbeiten?“
„SuperChance Premium.“
„Nie gehört.“
„Na egal. Wollen Sie jetzt weitermachen oder nicht?“
„Weiter womit?“
„Mit dem Gewinnspiel für 79 Euro.“
„Nee, nicht für 79 Euro.“
„Wollten Sie aber.“
„Wollte ich nicht.“
„Ist aber bei mir so eingetragen.“
„So? Komisch. Und was steht da noch?“
„Ihre Daten.“ Jetzt kann ich mir mein Lachen nicht mehr verkneifen.
„Garantiert nicht.“
„Doch.“
„Woher haben Sie denn meine Kontonummer?“
„Die haben Sie Herrn Wagner gegeben?“
„Im Juli?“
„Genau.“
„Stimmt nicht“, sage ich triumphierend.
„Stimmt doch. Nur Sie wissen offenbar nicht mehr, was Sie tun.“
„Doch, weiß ich. Und zwar ganz genau. Und deshalb weiß ich auch, dass ich an keinem Gewinnspiel bei SuperChance Premium teilgenommen habe und weder Konto- noch die Telefonnummer rausgegeben habe. Außerdem sind solche Anrufe verboten.“
„Das stimmt wieder nicht. Sie kriegen ja auch Werbepost“, versucht er zu kontern.
„Die schmeiß ich in den Müll. Trotzdem sind die Anrufe verboten, sonst würden Sie die Nummer nicht unterdrücken.“
„Das geht nicht anders bei 80 Leitungen. Wir kriegen das technisch gar nicht hin, dass überall die Nummer übertragen wird und außerdem dürfen wir jederzeit bei Ihnen anrufen. Sie stehen ja schließlich im Telefonbuch.“
„Sie haben meine Nummer aus dem Telefonbuch?“
„Nein, die haben Sie selbst angegeben.“
„Beim ersten Anruf von Herrn Wagner?“
„Also spielen Sie jetzt weiter?“
„Ich habe nie gespielt und werde nicht spielen. Wir haben keinen Vertrag.“
„Verträge gelten auch mündlich.“
„Is nich wahr! Jedenfalls nicht bei dieser Kaltaquise.“
„Die Zentrale wird sich bei Ihnen melden. Sie stecken auf jeden Fall mit drin!“
„Dann geben Sie mir mal die Adresse von der Firma, damit ich nachfragen kann, woher die meine Kontonummer haben.“
„Ich rede doch nicht stundenlang mit Ihnen über Dinge, an die Sie sich nicht mehr erinnern können. Die Zentrale ruft Sie an.“
„Muss sie nicht und soll sie nicht.“
„Das wird sie auf jeden Fall tun und dann werden Sie sich wundern, was alles rechtens ist! Legt auf. Und wart nie wieder gehört.

„Leidenschaftsloser geht’s kaum“
„Selmann“, sage ich ruhig und leise. Im Hintergrund höre ich schon diese Callcenter-Gemurmel und höre, wie jemand einen großen Schluck aus einer Flasche oder einem Glas nimmt.
„Leonie Binke hier von der Firma Super 12.“
„Von welcher Firma sagen Sie?“ Ich frage mich, ob das schon wieder Supercall ist, jetzt mit dem Versuch das Call gegen 12 auszutauschen und damit zu landen?
„Super 12. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass Sie noch für Dezember bis Februar Lottispielen, an weiteren 200 Gewinnspielen teilnehmen und viele weitere Gewinnoptionen haben.“
„Also ganz im Ernst, ich weiß jetzt gar nicht, wann ich bei irgendeinem Gewinnspiel, das Super 12 heißt, mitgemacht haben sollte.“
„Das weiß ich aber auch nicht, vielleicht im Internet?“
„Hm? Komisch, aber egal, was ist denn Lotti? Ist das Lotto nur mit „i“?“, frage ich und tue sehr interessiert
„Ja, ganz richtig.“
„Und ist das staatlich? Ich hab davon noch nie gehört.“
„Weiß ich nicht“, trinkt einen Schluck, „nein, nicht staatlich. Aber Sie kriegen ja die Unterlagen von uns, da steht alles drin.“ Man, ist die schlecht geschult. Da müssen wir aber noch ein paar Euro reinstecken, bevor das mit dem Kundenfang was wird.
„Und wo kommen die Gewinne her? Von Super 12?“, frage ich nach und muss gähnen dabei. Die ist total langweilig und ohne jede Leidenschaft in der Stimme.
„Ja, aus dem Haupthaus“, sagt sie langsam und unsicher.
„Super 12, also ich habe davon noch nie gehört. Und 200 Gewinnspiele aus einem Haus, wie geht das denn?“
„Es geht halt“, erklärt sie mir kurz.
„Und nehme ich teil, ohne einen Einsatz zahlen zu müssen?“, frage ich naiv nach, weil das ja der Sinn der Sache sein sollte.
„Sie kriegen Ihr Geld zurück.“
„Welches Geld? Hab ich schon was bezahlt?“
„Nein, Sie zahlen 55 Euro pro Monat und kriegen alles zurück, wenn Sie nichts gewonnen haben.“
Das weiß ich doch schon. Und auch, dass ich nichts zurück bekomme, weil man irgendwann einen Ohrstecker aus Blech gewinnt und das war es dann mit dem Einsatz.
„Und wer garantiert mir, dass mein Geld auch zum Einsatz kommt? Wissen Sie, man hört so viel Schlechtes über diese nicht staatlichen Gesellschaften.“
„Hallo? Hallo Frau Binke, sind Sie noch dran?“ Vielleicht ist sie über diesem langweiligen Gespräch einfach eingeschlafen? Dann träum was Süßes Frau Binke.

„Wir kommen alle in den Knast, irgendwann“
„Sind Sie Frau Selmann?“, fragt mich ein piepsiges Stimmchen am anderen Ende der Leitung. Gerade mal 18 Uhr wollte ich mich eben auf das Abendessen mit den Kindern vorbereiten.
„Was wollen Sie?“
„Gut, dass ich Sie persönlich erreiche …“, beginnt sie ihre Litanei, aber diese unterbreche ich mit: „Gleich!“
„Was?“
„Sie haben das Wort „gleich“ vergessen. Es heißt: Schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Ist denn das so schwer?“
„Ja, also gut. Ich hab heute meinen ersten Tag müssen Sie wissen. Also gut, dass ich Sie gleich persönlich erreiche, Frau Selmann.“
„Nix Frau Selmann“
„Warum nix?“
„Frau Selmann ist nicht hier!“
„Ach, sind Sie gar nicht Frau Selmann?“
„Nein.“
„Kann ich sie mal sprechen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“, fragt sie nach. Warum eigentlich nicht?, frage ich mich und weil ich eben einen Artikel über die Bankenkrise vor mir habe und dachte, dass man die alle einsperren sollte, sage ich: „Die sitzt im Knast! In Kassel!“
„Oh, das ist schlimm!“
„Das ist es, in der Tat. Aber wir kommen irgendwann alle dort hin, glauben Sie mir.“
„Was hat sie denn gemacht? Ich meine, da kommt man doch nicht wegen jeder Kleinigkeit rein?“, fragt sie vorsichtig nach.
„Nein, Mord ist keine Kleinigkeit.“
„Mord?!“
„Ja, sie hat eine aus so’nem Callcenter um die Ecke gebracht. Einfach so, kaltblütig und hinterrücks. Erschossen hat sie die Kleine, dabei wollte sie mit ihr nur einen Kaffee trinken, wegen des Gewinns! Aber ich richte ihr gerne aus, dass Sie angerufen haben. Sie hat nächste Woche wieder Freigang. Wie ist denn Ihr Name und Ihre Telefonnummer?“, frage ich, aber die Piepsstimme ist verstummt. Hat einfach aufgelegt, die feige Ziege.

„Jetzt gibt’s das erste Geld zurück“
Eine geschlagene Stunde sitze ich vor dem schnurlosen Siemens Telefon und warte. Nichts passiert. Jetzt haben die sicher meine Daten gelöscht. Ganz sicher steht jetzt ein Vermerk in allen Callcenterdatenbanken Deutschlands: Frau Selmann, Adresse: unbekannt verzogen, möglicherweise in die JVA Kassel-Wehlheiden überführt. Wenn diese Daten geklaut werden und das ein Verleger ließt, bin ich geliefert.
Unbekannt, das ist meine Chance. Ich gehe zum Telefon, atme noch mal tief durch und spreche ruhig und gefasst.
„Selmann, guten Tag.“
„Eurojocker hier. Ludmilla Helm am Telefon.“
„Und?“
„Frau Selmann?“
„Was wollen Sie?“
„Sind Sie Frau Selmann persönlich?“
„Und wenn?“
„Ah, Frau Selmann, schön, dass ich Sie gleich persönlich erreiche.“ Ein Profi am anderen Ende, ein alter Hase oder eine alte Häsin, um genauer zu sein. Aber die versteht was von ihrem Job, das höre ich sofort.
„Ich rufe Sie nur an, um Ihnen zu sagen, dass wir Ihnen das Geld zurückzahlen wollen.“
Jetzt schlägt es dreizehn! Alzheimer lässt grüßen. Wann zum Teufel habe ich bei Eurojocker am Telefon jemals Ja gesagt? Wann wurde mir Geld abgebucht? Was ist mir durch die Lappen gegangen? Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr dran erinnern.
„Welches Geld?“, frage ich, obwohl das egal ist, denn Kohle ist Kohle.
„Das für Ihr Lottospiel“, antwortet die Dame und ist richtig nett dabei.
„Ich weiß nicht mehr wann das war“, sage ich und bereue meine Vergesslichkeit.
„Das war vor ein paar Monaten.“
„Hm“
„Wie dem auch sei. Ich muss Ihre Bankdaten abgleichen, damit das Geld auch ankommt.“
„Ja.“
„Sie sind bei der ….“
„Sparkasse“, sage ich, weil’s mir zu lange dauert.
„Kassel?“, fragt sie nach.
„Ja.“
„Ihre Kontonummer ist…“
Ich warte.
„Wie ist ihre Kontonummer?“
„Ich denke, die haben Sie.“
„Sie müssen die wiederholen.“
„Nein.“
„Doch, sonst gibt’s kein Geld zurück.“
„Aber wenn Sie die Daten haben, warum muss ich die dann sagen?“, frage ich nach.
„Weil ein Band mitläuft, unser Gespräch wird aufgezeichnet und wir haben diese Anweisungen.“
Also tue ich mit mulmigem Gefühl das, was die nette Dame mir sagt, etwas verwirrt zwar, aber glücklich darüber, dass ich Geld zurück bekomme.
Möglich, dass Lottoallianz und Eurojoker ein und dieselbe Firma sind und ich tatsächlich irgendwann da mitgespielt habe, weil ich ja gesagt hatte. Und weil ich jetzt nicht mehr mitmache, kriege ich was zurück. So ungefähr muss es gewesen sein. Ich frag mich halt nur wann das war?
„Der Staat kassiert kräftig mit“
„Hallo Frau Selmann, Kuweng von der Premium Service GmbH – Kleeblatt, gut, dass ich Sie gleich persönlich erreiche.“ Uff, ich dachte schon, die hört nie auf.
„Ja, hallo?“, frage ich die Unbekannte.
„Sie sind einer von 150 Kunden, die noch nie etwas gewonnen haben und wir sind eine Entschädigungsagentur, die ihnen Glück bringen wird! Sie sind ab Februar dabei“, sagt sie und „Da ist es doch gut, oder?“, fragt sie.
„So?“, frage ich zurück.
„Ja, eine Sponsorenrunde von 37 Firmen hat sich zusammengefunden, um mit Preisen von 1.500 bis 150.000 Euro, Autos, Traumreisen und Multimediaprodukten bei Ihnen etwas gut zu machen“, sagt sie und „Das ist doch toll, oder?“, fragt sie.
„Ja, ganz toll“, sage ich und klinge dabei viel weniger euphorisch, als Frau Kuweng.
„Das Beste ist, dass wir keine Lotteriegesellschaft sind!“ Ach was?
„Warum nicht?“
„Weil Sie dann auch keinen Spieleinsatz haben“, erklärt sie mir.
„Ich muss nichts dafür zahlen, oder?“, frage ich jetzt.
„Nein, natürlich nicht! Nur, aus steuerlichen Gründen müssen Sie 69 Euro monatlich hinterlegen. Das ist natürlich nur eine Sicherheit für unsere Sponsoren. Der Staat holt sich sein Geld ja immer und überall, und die Sponsoren wollen nicht auc h noch steuerliche Einbußen haben. Aber Sie kriegen das Geld ja zurück, wenn Sie nichts gewinnen sollten, was allerdings ausgeschlossen ist, weil bei 150 Kunden gewinnt jeder was und bei einem Minimalgewinn von 1.500 Euro sind die 69 Euro für dieSteuer doch allemal drin, oder?“
„Also Frau…?“
„Kuweng“
„Ja, Kuweng, dass ein Gewinn nicht steuerfrei ist, höre ich heute zum ersten Mal.“
„Nur die kleinen Gewinne unter 1.500 Euro oder so sind steuerfrei. An den anderen verdient der Staat mit.“
„Also ich kenne es anders, aber das geht jetzt zu weit. Und wenn ich’s mir richtig überlege, bei allen Vorzügen, die Sie mir eben aufgezählt haben: nein, ich mach nicht mit.“
„Und warum nicht, wenn ich mal fragen darf?“
„Wegen der Steuer.“
„Echt?“
„Echt“, ist mein letztes Wort. Man bin ich standhaft. Deshalb legt sie jetzt auf.
„Datenklau gibt’s nur bei den anderen“
„Karin Winter hier, von der Master-Chance aus Hilden. Frau Selmann, sind Sie das persönlich?“, fragt mich eine junge weibliche Stimme voller Elan. Die hat sich was vorgenommen, das hör ich schon an ihrem Enthusiasmus.
„Ja“, sage ich kurz angebunden. Ich will unbeeindruckt wirken.
„Es gab da zwei Fehlinfos, deshalb rufe ich Sie an.“
„Fehlinfos, wieso?“
„Es sind nicht 300 Preisausschreiben, sondern 600.“
„Ach was. Welche Preisausschreiben?“
„Und Zusatzrente gibt’s auch.“
„Neiiiiiiiiin“, sage ich, wie Louis de Funès in seinen Filmen.
„Ja, das hat meine Kollegin Ihnen nicht gesagt und deshalb soll ich Sie noch mal anrufen. Wir legen größten Wert auf Kundenzufriedenheit“, flötet sie.
„Welche Kollegin?“
„Ich weiß jetzt nicht wer Sie angerufen hat. Jedenfalls war’s falsch.“ Das war eine blöde Antwort. Hätte besser sein dürfen.
„Ach, war’s das?“
„Ja, und wir wollen jetzt etwas wieder gut machen und andere Unternehmen auch und deshalb frage ich Sie:“…. ob ich sie heiraten will?, geht es mir durch den Kopf. „ob Sie noch bis April mitspielen?“, sagt sie nur. Gott sei Dank ist es kein Heiratsantrag.
„Nein“, antworte ich, auch wenn sie jetzt enttäuscht sein wird. Aber einen Heiratsantrag hätte ich ebenfalls abgelehnt.
„Gut, wir machen einen Datenabgleich und dann geht’s los“, ignoriert sie meine Antwort.
Sie fragt nach Adresse und Telefonnummer. Wie blöd ist das denn? Die hat mich doch eben angerufen, also ist das meine Telefonnummer. Dann will sie mir ein Kennwort aufdrücken. „3501“, sagt sie und dass ich mir auch eines ausdenken kann.
„Ich brauch kein Kennwort, ich spiel doch gar nicht mit“, sage ich und tue verzweifelt.
„Doch, doch“, meint die Dame, „wegen der Datensicherheit!“
„Datensicherheit?“, wiederhole ich erstaunt.
„Wissen Sie, Frau Selmann, es wird ja so viel Schindluder mit den Daten getrieben.“
„Da haben Sie Recht Frau Winter. Woher haben Sie eigentlich meine Daten?“, frage ich nach.
„Das kann ich jetzt hier nicht sehen. Sie haben wahrscheinlich mal ein Kärtchen ausgefüllt.“
„Ein Kärtchen mit einem Stiftchen?“, affe ich sie nach.
„Und jetzt kommen wir zum Geschäftlichen“, bringt sie mich wieder auf den Boden. Und als sie mich nach meiner Kontonummer fragt und mir die Bankleitzahl vorliest, sage ich: „Ich gebe Ihnen meine Kontonummer nicht.“
„Was? Warum?“
„Wegen der Datensicherheit“, sage ich.
„Wir behandeln ihre Daten streng vertraulich. Da können Sie sich drauf verlassen!“, sagt die Dame.
„Sicher, und weil das alle so machen, haben Sie ja auch meine Bankverbindung“, vermute ich mit spitzer Stimme.
„Ja, die haben Sie ja selbst bei meiner Kollegin angegeben. Die anderen, die klauen die Daten! Wir sind ein seriöses Unternehmen. Sie können mir ihre Bankverbindung also bestätigen?“
„Nein, weil ich sie nicht angegeben habe. Und eine Kollegin von Ihnen hat auch nicht angerufen, aber das wissen Sie ja.“
„Dann übernehme ich die Bankverbindung so.“
„Von mir aus.“
„Na also“, wiegt sie sich kurz vor einem Vertragsabschluss.
Sie ist auf den letzten Zentimetern vorm Ziel und dann sage ich: „Ich habe jetzt eine andere Kontonummer!“
Sie ringt nach Luft, das kann ich hören. „Dann geben Sie mir die!“, fordert sie mich auf, als wäre es jetzt das Mindeste, was ich noch für sie tun könnte.
„Mach ich nicht“, sage ich hämisch.
„Das hätten Sie mir auch gleich sagen können“, schreit sie mich an.
„Hab ich doch, drei Mal. Aber das wollten Sie anscheinend nicht hören.“
Frau Winter legt auf. 11 Minuten 08. Sieger: Ich!
„Auf Betrunkene und Kinder sollte man besonders Acht geben“
Etwa eine Stunde später, ich habe eben ein Glas Wein getrunken und mir vorgestellt, ob ich bei einem Gespräch mit Eurojoker vor ein paar Monaten vielleicht etwas zu viel getrunken hatte, klingelt es wieder. Unbekannt, jetzt geht es in die Endrunde.

„Selmann, guten Tag, was kann ich’n für schie tun?“, frage ich mit leicht alkoholisierter Stimme.
„Frau Selmann, gut, dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Ich bin Thorsten Meier von der Deutschen Millionenchance und möchte Ihnen mitteilen, dass wir Sie unter Tausenden ausgewählt haben. Sie dürfen zwei Jahre lang an allen Preissausschreiben innerhalb Deutschlands teilnehmen und zahlen dafür einmalig nur 140 Euro, abgebucht in zwei Raten, falls Sie, was nicht passieren wird, nichts gewinnen sollten, bekommen Sie den Einsatz zurück.“
Pause, Pause, Pause…
„Hallo Frau Selmann, sind Sie noch dran?“, fragt er höflich nach. Immerhin nach einem so langen Monolog könnte ich auch eingeschlafen sein, das ist mir nämlich schon mal passiert, weil ich mir vorgenommen hatte, den Anrufer so lange wie möglich am Telefon zu halten, damit er nicht so viele andere mit seinem Anruf quälen kann. Damals habe ich nach mehr als 19 Minuten blöder Konversation meine Augen nicht mehr offen halten können und den Anrufer auf mein Kopfkissen gelegt, wie lange der noch ausgehalten hat, weiß ich nicht.
„Ja, isch bin noch dran“, versuche ich versoffen zu faseln.
„Und, sagt es Ihnen zu?“ Ob mir das zusagt? Meint der das ernst? In meinem Kopf sehe ich 4.800 Gewinnspielkarten auf einem großen Stapel aufgereiht. Der Stapel kommt ins Wanken und stürzt zu Boden. Dann stürzen sich die Telefongeier drauf und wählen meine Nummer ….
„Ja, also ich, hicks! Oh, Verzeihung, hab zu viel getrunken, glaube ich, hatte was zu feiern“, ich gebe mich total besoffen. Der müsste eigentlich nachfragen, ob ich überhaupt in der Lage bin, ein Verkaufsgespräch zu führen.
„Gut, dann haben Sie immer noch Ihr Konto bei der Sparkasse und die Kontonummer hat sich auch nicht geändert?“
„Wie?“
„Ihre Kontonummer Frau Selmann. Wissen Sie, wovon ich rede?“
Ich beginne zu lallen und gehe ins Bad.
„Sie meinen mein Konto?“
„Ja, für die Überweisung des Hauptgewinns!“
„Ja, die Nummer, Moment mal, wie war die noch? 125485? Oder 25841? Oder so.“ Ich drücke die Klospülung.
„Quälen Sie sich nicht, ich hab die Daten.“
„Oh, dass isch ja gut.“
„Ja, dann machen wir das so und buchen das Geld in einer Summe ab.“
„Wir beide?“
„Ja.“
„Jawoll, so machen wir dasssss. Hicks!“ Dann legt er auf. Der Schwachkopf.

Aber irgendwann da habe ich dann Alpträume bekommen. Wachte schweißgebadet auf, auch, weil mich einer mal nach einem solchen Telefonat noch mal anrief und mich auf Türkisch aufs übelste beschimpfte. Gut, dass ich nicht verstehen konnte, was der alles zu mir sagte und als mir dann einer Schläge androhte, war mein Bedarf an schwachsinnigen Konversation mit ausgebeuteten Menschen, die Ausbeutern Millionen in die Kassen telefonieren, vollends gedeckt. Ich legte den Hörer in Sachen Recherche für immer auf. Aus den vielen Anrufen habe ich nur einige noch für Sie aufgeschrieben. Hier sind sie:
„Selmann, hallo?“
„Frau Selmann, gut dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Thomas Korn von Super 12“, sagt ein junger Mann gehetzt.
„Super 12? Das verstehe ich jetzt aber nicht. Eine Kollegin hatte doch heute erst angerufen und …“
„Ja, Sie machen also weiter mit den Lottoabo?“, sagt er und legt auf.
„Herr Korn? Hallo?“ Was war das jetzt? Schulterzucken.

Und noch dieser:
„Sind Sie es persönlich?“
„Wie bitte?“
„Frau Selmann?“
„Ja.“
„Gut, dass ich Sie gleich persönlich erreiche. Mein Name ist Hofmann vom Alpenkönig.“
„Schöner Name, wenn man vom Alpenkönig heißt.“
„Nein, Hofmann von der Firma Alpenkönig.“ Er fängt an zu lachen, kann nicht mehr weiter reden und legt auf.
Und der noch:
In total gebrochenem Deutsch rief einer an, den weder ich, noch meine beiden Mithörer richtig verstehen konnten.
Frau Selmann, ich rufe an von der DGG aus Düsseldorf. Kowalsky. Wollen Sie noch mitspielen bis April?“, fragt einer, der niemals Kowalsky heißt, sondern eher Ützgür oder so.
„Von welcher Firma?“, frage ich das erste Mal, denn danach frage ich noch dreimal dasselbe. Ich fasse mich jetzt kurz, weil wir das hier schon hatten. Er ist ein Unbekannter auf dem Display. Redet sich um Kopf und Kragen. Tut mir schon ein bisschen leid. Ein armes Schwein ist er. Ich soll 94 Euro abgebucht bekommen. Dann kriege ich das Geld zurück. Alles ohne Risiko und von der Deutschen Gewinn Genossenschaft. Die ist im Internet nicht zu finden. Er fragt nach meiner Adresse, ich lüge ihm vor, ich sei umgezogen. Dann frage ich mich, warum der sich geschlagene sieben Minuten mit mir unterhält? Eigentlich müsste er schon bemerkt haben, dass ich ihn hoch nehme. Der bleibt aber ganz ruhig und erzählt mir alles mehrfach. Als er sich dann bis zu meinem Geburtsdatum durchgefragt hat, bestehe ich darauf, dass ich 10 Jahre jünger bin, als er im Computer hat. Ich glaube, er hat’s abgeändert. Außerdem wohne ich jetzt nicht mehr bei mir, sondern ganz wo anders. Nur die Bankverbindung meines längst aufgelösten Bankkontos habe ich nicht abgestritten. Die Frage nach der Herkunft der Bankdaten, musste ich dann viermal stellen, bevor er auflegte.

Kurze Gespräche hatte ich auch mit:
mit Marc Sommer von Telemillionen
mit Herrn Koperane von Gewinnjagd
mit Herrn Wahnsinn von Top 200
mit Frau Heuer von Masterchance
mit Frau Korn von Gewinnmarathon
mit Frau Weiß von Leonsinn und der Telefonnummer 023156055255,
mit Frau Pilz von der CSGmbH aus Wesel
mit Frau Antje Wegmann von Play Win
mit Frau Kalle von Play Win 2008

Aber einer, den muss ich hier noch erwähnen, der war echt nett. Es war Herr Prochnow. Ein Berliner mit der sympathischen Stimme eines älteren Herrn und dem Künstlernamen eines deutschen Schauspielers mit vernarbtem Gesicht. Er teilte mir mit, dass ich unter den letzten 100 Auserwählten bin, die einen Audi gewinnen können. Dann erklärte er mir höflich, dass ich nicht traurig sein muss, wenn das Los nicht auf mich fiele, weil ich ja noch die Chance auf 3.300 Euro Direktrente habe. Die läuft 25 Jahre, ist vererbbar und wird nur zwischen mir und den anderen 99 ausgelost. Und noch Reisen und Gewinne und Geld und und und. „Und?“, fragte ich ihn. „Was und?“, „Wie viel?“ „38 im Monat.“ „Nein danke“, sagte ich und erzähle ihm von meinem Buch und von Frau Küllmer von Medistar. Herr Prochnow war entsetzt! Und das hab ich diesem Herren geglaubt. Wir haben dann noch ein bisschen geplaudert. Dabei fiel mir auf, dass ich ihn noch nicht nach der Firma gefragt hatte, für die er diesen Anruf ja gemacht hat. Das war Direktrente Plus.
Aus den unzähligen Gesprächen, den vielen Minuten, die sich zu Stunden und Tagen summierten und die ich mit den Unbekannten Anrufen verbrachte, habe ich eine Lehre gezogen. Ich weiß jetzt, was ich damals bei Frau Küllmer von Medistar falsch gemacht habe: ich hätte ganz anderes reagieren müssen. Ich hätte den Hörer auflegen und mir sofort eine neue geheime Telefonnummer zulegen sollen, aber dann hätte ich meine Erfahrungen nicht aufschreiben können.

Nachspann:
Die angebliche Rücküberweisung von Eurojocker stellte sich als das heraus, was sie von Anfang an war. 55 Euro pro Monat für ein Lottoabo, das ich noch nicht in Anspruch genommen hatte, sondern das erst nach meinem Gespräch gestartet wurde. Das fand ich besonders dreist. Allerdings kann man jede Abbuchung wieder rückgängig machen und das habe ich auch gleich getan.
Die Lotteriezentrale, in der Selank arbeitete, buchte jeden Monat 100 Euro ab, alle Gewinne wurden in neue Lose investiert und einen Garantiegewinn von 1.000 oder gar 5.000 Euro gab es natürlich nicht. Wo kämen wir denn dann hin?
Wenn Sie Internetanschluss haben und unter Telefonverzeichnis versuchen, den Teilnehmer der Nummern rauszubekommen, steht da zu lesen: Zu der von Ihnen eingegebenen Rufnummer konnte kein leider Teilnehmer gefunden werden. Möglicherweise hat dieser Teilnehmer einer Rückwärtssuche (Inverssuche) oder einer Veröffentlichung seiner Kontaktdaten in Das Telefonbuch widersprochen.
Ich schätze, dass das Wort Datenschutz nur für die Callcenter selbst gilt. Alle anderen, wie Sie und ich, sind längst in allen Details ausspioniert und auf der ganzen Welt verteilt. Das ist die wahre Globalisierung. Und nicht mehr zu stoppen. Wenn Sie nicht alle drei Wochen eine neue Telefonnummer wollen, denn rate ich Ihnen: reden Sie mit den Leuten, fragen Sie sie aus, proben Sie Ihr Schauspieltalent, geben Sie ihnen falsche Bankdaten! Aber lassen Sie die Finger vom Glücksspiel!
Mehr kann ich dazu auch nicht sagen, außer: schön, dass ich Sie hiermit persönlich erreicht habe.