Endzeitstimmung

Wie heißt das noch, was wir jetzt haben? Eine stimmungsvolle Zeit am Jahresende? Jahresendzeit? Endzeit? Endzeitstimmung? In die kann man jedenfalls kommen, wenn man einen Blick in die Zimmer von Jugendlichen wirft. Okay, ich weiß: der Eintritt ist da für Mitmenschen über 18 Jahren verboten, aber manchmal kann Sauerstoff auch Leben retten, darum ist das Öffnen der Fenster und das vorherige Durchschreiten dieser Jugendreservate ausnahmsweise mal erlaubt. Das ist jetzt meine Ansicht von Elternrechten und das Thema nix Neues, ich schrieb schon mal drüber. Und eigentlich weiß jeder, dass es einem Drahtseilakt gleicht, will man die Wegstrecke von der Tür bis zum Fenster in einer angemessen Zeit schaffen, ohne auf einen iPod, den Stecker eines Ladekabels, eine CD oder eine Deospraydose zu treten. Darum pirsche ich mich auf Zehenspitzen ran. Pirschen ist hier der richtige Ausdruck. Die Jäger unter den Lesern wissen einen optimalen Pirschweg zu schätzen. Der muss vorher angelegt und genau durchdacht sein. Für die Nichtjäger unter Ihnen, hier ein kleiner Abstecher in den deutschen Wald, wo die Wildschweine wohnen.
1. Der Pirschweg oder Pirschsteig ist ein in guter Deckung angelegter Schleich- oder Verbindungsweg zur Ansitzvorrichtung. (Hier die Verbindung zwischen Tür und Fenster, gut geschützt durch meterhohe Klamottenberge!)
2. Sie müssen von dürren Ästen, Trockenlaub und Steinen frei gemacht und glatt geharkt werden. (All das hab ich in den Zimmern auch schon gefunden, die Idee mit der Harke finde ich gut!)
3. Man schneidet sie am besten einmal im Jahr frei und säubert sie gewissenhaft. (Der Schimmelpilz, den ich kenne, wächst nicht bis zur Decke, aber das Säubern der Böden, glatten Flächen und Fenster ist eine Herausforderung, wo sich Gewissenhaftigkeit nicht lohnt!)
4. Sie sind gut gepflegt, tragen sie wesentlich dazu bei, eine Beunruhigung der Wildschweine zu vermeiden. (Das gute Gefühl nach einer Generalreinigung ist leider schon dann wieder vorbei, nachdem die liebe Nachzucht ihre Socken ausgezogen, sich ne Pizza bestellt und mit Freunden gemeinsam nach dem richtigen Discooutfit gesucht hat!)
5. Die Abgangstellen zu den Pirschwegen sind unauffällig zu gestalten und vor Unbefugten verborgen zu halten. (Nix leichter als das. Taschen, Helme und Schuhe türmen sich vor den Zimmertüren auf, Plakate und Drohsprüche wirken wie Umleitungsschilder, da kommt keiner von allein drauf, was sich dahinter versteckt!)
Wenn das alles befolgt wird, kommen auch Sie durch jedes Jugendzimmer. Ganz sicher. Ich empfehle deshalb zum Jahresende: Harke in die Hand und alles raus auf den Flur. Zweieinhalb Wochen Ferien müssten ausreichen, um das gewohnte Chaos wieder herzustellen. Schließlich kommen ja noch die Weihnachtsgeschenke dazu. Frohe Endzeit!