Frisch von der Leber

„Der Wecker fiept halb Sieben, Unheil nimmt seinen Lauf“, so beginnt ein Lied von Reinhard May und so beginnt bei mir jeder Tag. Ich stehe schnell auf, denn der Hund muss in den Garten. „Los! Raus!“, fordere ich ihn auf und er folgt mir sogar. Guter Hund. Ich habe die Zahnbürste noch im Mund, als ich ihn bellen und toben höre. „Aus! Pfui! Lass Nachbars Katze!“, schreie ich und muss letztendlich meine Hundepfeife einsetzen. Jetzt sind auch die Kinder wach. Zuerst wird aber der Hund versorgt und ich habe schon meine zweite Socke an, immerhin nach einer halben Stunde.

Jetzt versuche ich, meinen Dreien, mit einem Lächeln im Gesicht, die Schule schmackhaft zu machen. Ohne großen Erfolg, vielleicht ist es noch zu früh am Morgen? Zwischen Müsli rühren, Ranzencheck und Brote schmieren, zieh ich mir eine Hose an und merke, dass der Gürtel fehlt. Im Moment habe ich keine Idee, wo der wieder sein könnte. Aber jetzt muss es erst mal so gehen. Ein Blick auf die Küchenuhr lässt mich aufschrecken: „Ab raus! Wir sind zu spät! Alle in den Wagen und Sitz!“, rufe ich und die Kinder folgen.

Ich schleppe noch drei Ranzen hinterher und versuche rauszuholen, was geht. Einen Kuss für jeden, bringt mir den Satz ein: „Du bist so peinlich, Mama.“ Aber das muss noch drin sein, bevor ich durchatmen kann.

Denn jetzt muss die Wäsche in die Maschine, dabei komme ich am Spiegel vorbei und sehe, dass ich mein T-Shirt links herum angezogen habe. Wirklich peinlich. Der Anblick des Frühstückstisches ruft mir folgenden Spruch ins Gedächtnis: „Kinder kommt, hier haben Menschen gehaust!“, sagte die Bache zu ihren Frischlingen.

Bei dem Gedanken treibt es mich ins Revier. Ich springe aus den Birkenstocks in die Gummistiefel, nehme meinen Hund an die Leine und die Astsäge mit, bevor ich losfahre.

Wenige Augenblicke später schon lege ich den Hund an der Aluleiter ab, die ich im letzten Sommer gegen die Angriffe der Schwarzkittel am Weizen aufgestellt hatte. Der Baum braucht dringend einen Radikalschnitt und so mache ich mich an die schweißtreibende Arbeit.

„Maul spitzen reicht nicht! Gepfiffen muss werden!“, waren die Worte meiner Großmutter, die mir zu dieser Arbeit einfallen. Ich muss lachen über diesen Ausspruch. Während einer kleinen Verschnaufpause drehe ich mich um und sehe, dass die Schweine heute Nacht wohl schon einmal nach der heranwachsenden Frucht gesehen haben. Man haben die gebrochen! Da kommt mir die Idee, die Aluleiter so zu platzieren, dass mir die eine oder andere Sau zu Opfer fallen könnte. Schnell ist ein guter Platz erspäht und ich denke noch, wie einfach es wird, die Leiter umzustellen, als ich sehe, dass sie noch angekettet ist und weiß, dass der Schlüssel zu Hause im Schlüsselkasten hängt.

Ich ziehe meine Hose ein kleines Stück hoch, dieser fehlende Gürtel macht mich krank und sehe mir die Sache mit der Kette einmal genauer an. „Schweine musst Du jagen, wenn der Mond keine Schatten wirft“, sagte mein Großvater immer. Heute Nacht war Vollmond und dann, wenn der Mond ganz oben steht, gehe ich raus. Ganz sicher mache ich das, und deshalb muss die Leiter jetzt umgestellt werden.

Mein Blick fällt auf die Astsäge und ich sage mir: „Nein, nicht so! Nicht jetzt! Das wäre Wahnsinn!“, aber schon fange ich an zu sägen und zu pfeifen. Nach fast einer Stunde habe ich es geschafft. Der Baum ist ab, die Leiter frei und ich schwöre mir, das nächste Mal eine Motorsäge mitzunehmen.

Als Entschädigung darf ich gleich mal Probe sitzen. Das passt, gut gemacht.

Wieder renne ich der Zeit hinterher. Die Kinder haben schon Schule aus und ich muss noch kochen. Deshalb werfe ich alle Werkzeuge in den Wagen, springe rein und fahre los. Auf halber Strecke fällt mir mein Hund ein, den ich unter der Leiter abgelegt hatte. Also, wieder zurück, der muss mit nach Hause.

Während ich Kartoffeln schäle und immer noch nicht weiß, was es dazu geben soll, klingelt es an der Tür. Ein Jagdfreund steht davor und erzählt mir von einem reifen Bock, den er noch am 30. April in unserem Revier gesehen hat. Seiner Erzählung nach war es eher ein Hirsch als ein Bock, aber das ist ja erlaubt unter Jägern. Er will sich erkundigen, ob Platz ist, im Kühlhaus für dieses Wildbret und wir gehen eben nachschauen. Als ich die Tür öffne bin ich erleichtert und sage: „Da ist er ja!“ und er sagt: „Ja, genau! Das ist er ja!“

Mein Gürtel hing noch am Gehörn des reifen Bockes, den ich gestern, am 1. Mai, von der Leiter aus erlegt hatte. Und da fällt mir der Spruch meiner Mutter wieder ein: „Wenn Du Deinen Bock nicht am 1. Mai erlegst, kriegst Du ihn nicht mehr!“ Wie wahr, wie wahr. Ich nehme die Leber und brate sie kurz an. Die schmeckt herrlich zu Kartoffeln!

Erschienen in: Wild und Hund 2005

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