Mein Körper ist mein Kapital

Eine Trilogie

Zahnarztbesuche gehören eigentlich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Wenn es da nicht diese herrlichen Zeitschriften gäbe, die ich mir nie selbst kaufen würde, fielen mir diese Sitzungen schon sehr schwer. Kaum sitze ich also im Wartezimmer, –ich komme immer eine viertel Stunde vor dem Termin– habe ich auch schon eines dieser Boulevardblätter in der Hand. Heute springt mich die Titelstory geradezu an. Es klingt wie die Geschichte aus einem banalen Vormittagsfilm. „Sie trafen sich spät in der Nacht ganz zufällig am Pool. Der betagte Prinz und die junge Schöne. Fast dreißig Jahre trennen die beiden, die von Amor direkt ins Herz getroffen wurden. Unschuldig und total unvorbereitet.“

Bla bla bla, denke ich, aber dann fällt mein Blick auf dieses Foto, das die ganze Doppelseite ausfüllt: Er im dunklen Anzug mit Zigarre, aristokratischen Ausdruck im faltigen Gesicht. Sie im rot gestreiften Seidenkleid. Beide wurden im Esszimmer abgelichtet. Er steht am Stuhl, seine Arme vor der Brust verschränkt, sie sitzt auf dem Tisch, das linke Bein locker auf dem Stuhl abgestellt. Dabei lächelt sie mit diademgeschmücktem, blond gefärbtem Schopf verführerisch in die Kamera. Er versucht seinem Gesichtsausdruck eine Überlegenheit einzuhauchen, das gelingt ihm allerdings nicht, denn in dem Moment, als der Fotograf abgedrückt hatte, ist der blaublütige Mund des Prinzen leicht geöffnet, das sieht ziemlich dämlich aus. Er steht außerdem noch etwas im Hintergrund. Alles eine Frage des Lichts, denke ich.

Auf der nächsten Seite folgt dann der Text. Inhaltlich ungefähr so: „Seit dem wir uns getroffen haben, beziehungsweise Amor uns getroffen hat, kommen wir gar nicht mehr raus aus dem Bett unserer Luxussuite im sündhaft teuren Schlosshotel heraus.“ Auf dem dazugehörigen Hochglanzfoto ein Kingsizebett, wie nett. Er schwärmt von ihrem Alabasterkörper und davon, dass sie das Erotischste ist, was ihm jemals unter gekommen ist. Und er sei nicht nur verliebt, nein, er liebe sie von ganzem Herzen und im Gegensatz zu seiner gerade ausgewechselten jungen Ehefrau, wünschte er sich mit ihr ein Kind. Ein Kind der Liebe.

Ja hat man denn das schon mal gehört? Das gibt es doch nicht wirklich? Sicherlich will der Prinz den Journalisten an der Nase herumführen. Braucht der Geld? Immerhin ist er nur der zweite in der Erbfolge, und die Zweiten bleiben immer die Zweiten, haben außer einer lebenslangen „Adelsrente“, genannt Apanage, nichts zu erben und abgesehen vom guten Namen der gesamten Familie haben sie möglicherweise auch nichts zu vererben.

Sie schwärmt davon, wie nett und süß er ist und wie lieb, und mir kommt es vor, als rede sie von ihrem Schoßhund. Ach ja, und einen Sohn will sie mit ihm haben, und der soll Maximilian heißen. Ob ihm das recht wäre, frage ich mich, nicht der Name, sondern diese Eltern. Sie betont noch, wie sehr sie sich für Politik und Autos interessiere, wie gut sie, die ganz normale und nicht etwa Luxusfrau, kochen kann und dass sie am gewaltsamen Tod ihres vierzig Jahre älteren Ehemannes nicht schuld war. Nein, umgebracht hatte sie ihn nicht, sie hatte nur die Männer geschickt, den teuren Wagen zu stehlen. Schließlich hatte er sie kurz gehalten mit Haushaltsgeld und sie wollte dadurch praktisch etwas dazuverdienen, als der Ehemann sich ihren Helfern in den Weg stellte, haben die ihn aus Versehen erschlagen.

Das wollte sie nicht, immerhin war er es, der ihr diesen Alabasterkörper in einer Vielzahl von Operationen gezaubert hatte. Sie wird ihm auf ewig dankbar sein. Gott sei seiner Seele gnädig, Amen.

Genau, gläubig sind die beiden auch, sehr sogar. Und deshalb wird auch kirchlich geheiratet. „Ach, ist das alles aufregend? Nur, wen sollen wir denn einladen, Schatz? Der gesamte Adel rümpft die Nase, aber auf die legen wir ja keinen Wert, wer sind die schon? Und die Highsociety von Marbella? Ich weiß nicht, die habe ich das letzte Mal auf der Beerdigung meines Mannes gesehen, oder saß ich da schon in U-Haft? Egal, irgendjemand wird schon kommen. Nur um zu sehen, ob wir es wirklich tun. Oder, weil man sich freut, dass es noch zwei Menschen gibt auf dieser Welt, die sich wirklich lieben. Außerdem hast du ja auch schon mal was schlimmes gemacht, du hast Alkohol getrunken. Wer ist schon frei von Schuld? Niemand, und außerdem habe ich, nur für dich, meinen Körper zur Kapitalanlage gemacht. Zu meinem Franzl habe ich immer gesagt: Wenn ich schon kein Bargeld in die Hand bekomme Schatz, dann vergoldest du mir aber meinen Allerwertesten, bitte!“, könnte sich die Schönheit geäußert haben.

Gesagt getan und das Ergebnis sehen wir auf den Hochglanzseiten der Boulevardblätter. Fotos können ja so bitter sein. Hier sieht man, dass diese Augen und diese Lippen nicht so gut gelungen sind. Dreiunddreißig Jahre ist die Dame erst und sieht schon so alt aus.

Mit einem Blick auf das Foto, das einen Medienpreis verdient hätte, schließe ich die Zeitung, weil der Zahnarzt ruft und während ich auf dem Behandlungsstuhl liege, könnte ich es an die Decke malen: Sie sitzt in Spitzenunterrock mit leicht gespreizten Beinen auf einem rosaroten Kanapee. Er sitzt auf seinem Allerwertesten davor, so, als sei er gerade von ihrem Schoß heruntergerutscht und hält sich mit der linken Hand an ihrer Hüfte fest, die rechte Hand liegt auf der Innenseite ihres Oberschenkels. Sein Sakko hatte er vorher noch ausziehen können. Sie drückt mit ihrer Rechten seinen Kopf an ihre rechte Brust. Sie lächelt überlegen, er konzentriert sich darauf, dass ihm die Zigarre nicht aus dem Mundwinkel fällt.

Schönheit ist vergänglich, bei ihr schon vergangen, denke ich, das Altern kann sie nicht aufhalten, sie kann andere nur mehr oder weniger täuschen, wenn es um die Wahrheit geht. Aus seinen Augen springt die reine Geilheit heraus und aus ihren die Sicherheit eine große Macht über diesen Mann zu haben. Macht durch ihr Erbe und ihren Körper, beides durch Manipulation nicht so, wie es sein sollte. Körper und Seele bilden eben in Wahrheit auch hier eine Einheit.

Ein Jahr später …

Gleiche Zahnarztpraxis, gleiche Zeitung. Der Prinz sitzt angelehnt an seine im Vordergrund platzierte Geliebte, jung und zeitlos schön. Sie mit glänzenden Lippen. Ein Traumkleid in Gold mit einem Dekolletee, das fast bis zum Bauchnabel geht. Die Highheels, die von diamantenbesetzten Riemchen gehalten werden müssen, glänzen auf dem golden Fell des Golden Retrievers, der ihr zu Füßen liegt. Der Prinz erinnert mich auf dem Foto ein bisschen an den Bruder von Ötzi. Die Augen sind rot und klein, die Gesichtshaut trotz der von ihr verabreichten Anti-Falten-Creme, alt und faltig. So wie die Haut eines Zweiundsechzigjährigen nun mal ist. Er wäre für Franzl eine Herausforderung gewesen, denn wer will schon neben dem Bruder von Ötzi aufwachen müssen?

Und pünktlich zum ersten Jahrestag ihrer großen, tiefen und ehrlichen Liebe, sind sie ausgezogen. Beide. Er aus seiner ehelichen Wohnung und sie aus ihrer Chirurgenvilla, um in eine gemeinsame schicke Mietwohnung in Berlin einzuziehen. Ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen und die Vorbereitungen für das gemeinsame Eheglück laufen auf Hochtouren. Die scheußlichen Erinnerungen an den tragischen Tod des Ehemannes Franzl wird man hinter sich lassen –zur Erinnerung: das waren die Gerüchte um den Auftragsmord- und nur noch die schönen Augenblicke in sich aufbewahren –zur Erinnerung: das ist das Erbe von Franzl-, und diese auf ihrem – nein in Kürze- ihrer beider Konten betrachten können.

Na ja, man sollte nicht alles so ernst nehmen und deshalb ist das Angebot des Elektrodiscounters mit ihr und dem Slogan „Mörderisch günstige Preise“ zu werben, eher ein Kompliment, als eine Anspielung auf ihren zu Tode gekommenen Ehemann. Und die Gerüchte darum, dass der Prinz und die Schöne bald selbst nur noch in Discountläden einkaufen können, wegen finanzieller Engpässe sozusagen, sind allesamt falsch! Denn: Immerhin bekommt er für seinen Titel „Prinz“ eine Apanage von über 4.000 Euro und davon muss er keinen einzigen Cent an seine Exfrau abgeben, denn die verdient mehr Geld als er und Kinder haben sie keine.

Und sie, die Chirurgenwitwe, sie hat die Villa vermietet und die Schönheitsklinik natürlich auch. Außerdem hat Franzl bei ihr ja schon für schlechte Zeiten „voroperiert“. Es dauert also noch ein paar Jahre, bis wieder in den Alabasterkörper investieren muss.

Allerdings, wenn man sich die Fotos der folgenden Seiten genauer anschaut, muss man leider sagen, dass die Hautfalten oberhalb der Knie schon sehr stark ausgeprägt sind. Vielleicht liegt das auch an den viel zu hohen Absätzen, die ihre Füße nur noch auf den Zehen stehen lassen. Es sieht so aus, als probte sie schon die Posen vor dem Fotografen, der ein neues Gesicht (obwohl das nicht so wichtig ist) für eine Zeitung sucht, in der Titten und Ärsche (Verzeihung!!) gezeigt werden. Für Geld, versteht sich. Sie zeigt sich billig, breitbeinig, den offenen Mund mit den aufgespritzten Lippen immer leicht und lüstern geöffnet. Der Prinz sitzt im Hintergrund, davor liegt sogar noch der Hund.

Im Bett ist es mit der Halbsizilianerin nicht so leicht, aber der alternde Prinz hat sich schon gebessert, wie er selber sagt. Gebessert? War es nicht so, dass sie aus dem Kingsizebett gar nicht mehr rauszukriegen waren? Oder lag es an einem Bandscheibenvorfall, der ihn ereilte, als er versuchte, locker sein Sakko abzustreifen, bevor… Ach lassen wir das.

Also, das Schmusen war nicht so sein Ding, bevor er die Schöne kennen lernte. Und bei ihr hat die Eigenständigkeit zugenommen. Der Franzl, der hat sie beschützt und behütet und der Prinz, der hat nichts dagegen, wenn sie sich auch mal um einen anderen Mann kümmert. Immerhin ist der einsam und krank und irrsinnig reich. Und einem Flehen wie: „Bitte lass mir Deine Frau noch ein bisschen hier, damit ich nicht so allein bin!“, kann man doch nicht widersprechen. Unter Freunden, sagt der Prinz.

Ihrer Liebe tut dies keinen Abbruch und außerdem, wenn der Prinz erst einmal geschieden ist, dann wird geheiratet und dann kommt der kleine Prinz, der einmal Arzt werden und dann die Schönheitsklinik vom verstorbenen Stiefvaters (oder war es der Stiefopa?) führen muss, wie sie sagt. Und es wird ein eheliches Kind, da ist sie altmodisch, und es kommt spätestens in zwölf Monaten, dass hat sie sich als Limit gesetzt. Für den Prinzen ist das ein hartes Limit, denn wenn seine Nochfrau nicht zum Scheidungstermin erscheint, dann verzögert sich alles weitere auch noch. Er kommt in Hektik und dann das ganze Schmusen und die Cremes und der Babydruck.

Wenn das mal nicht zu viel wird für ihn. Vielleicht hat seine Nochehefrau ja Recht, wenn sie sagt: „Wenn Du Dich jetzt von ihr trennen würdest, hättest Du die Beziehung wenigstens überlebt!“ Und ganz unter uns, ich glaube nicht, dass sie damit etwa sagen wollte, dass die Schöne ihn, wie eine Gottesanbeterin umbringen wird, wenn die Hochzeit rum und der Sohn unterwegs ist, nein, sie meint es wirklich nur gut, denn sie kennt seine Zipperlein ganz genau.

Aber trotz allem, die beiden lieben sich wirklich und wenn man sich liebt, dann ist man wie von Sinnen. Punkt.

Und wieder ein Jahr später …

Keine Zahnarztpraxis, keine Zahnschmerzen. Ich bin zwar keine Hellseherin, alles braucht eigentlich seine Zeit, aber die dauerte hier nur ein Jahr, dann konnte man es in der Heimat-Zeitung lesen: „Tatjana Gsell (35) und Prinz Ferfried von Hohenzollern (63) haben sich „in beiderseitigem Einvernehmen“ getrennt. Gründe seien der große Altersunterschied und unterschiedliche Interessenlagen, hieß es. Die beiden blieben sich aber freundschaftlich verbunden.“ (Quelle, Hess. Allgemeine Zeitung vom 11.11.06)

Also doch: der Altersunterschied hat sie in die Knie gezwungen. Sie beide, denn er war ja schon die ganze Zeit auf Knien, oder hatte er es in den Knien? Ich weiß nicht mehr, was ich noch glauben oder denken soll. Immerhin geht das Theater ja schon zwei Jahre und er hätte doch wissen müssen, dass sie täglich altert und dazu noch viel extremer und schneller, als es die Frauen ihres Alters, deren Körper nicht manipuliert wurden, sonst tun. Gut, dass Ferfried Prinz von Hohenzollern (so ist der Name richtig, denn Adelstitel gehören seit der Weimarer Republik zum Namen und sind keine Titel mehr), sich mit dem Verfalldatum von Schönheitsoperationsmodellen nicht auskannte, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen, und Tatjana eigentlich auch nicht, denn ihren Franzl kann sie ja nicht mehr darum bitten, die Zeit aufzuhalten. Eigentlich hilft da nur noch der Selbstmord, denn wie meine Großmutter immer zu sagen pflegte: „Wer nicht alt werden will, muss früh sterben.“

Nun haben sie sich entschlossen ohne einander weiterzuleben. Sie ohne Foffi und er ohne Tatti. Was soll jetzt nur aus ihnen werden? Wohin mit der ganzen wahren Liebe, den teuren Hautcremes, dem gemeinsamen Liebesnest, dem Kingsizebett, den vielen tollen Kleidern, der Apanage, dem Wunsch nach dem gemeinsamen Kind und dem Hund? Nein, der bleibt bei ihr! Ihren Liebling, ihren Goldschatz, den gibt sie nicht ab. Immerhin braucht sie ja etwas zum Schmusen, denn mit Foffi hat sich’s ausgeschmust. Er schmuste ja nie sehr gern. Sie wird darüber hinwegkommen, dass sie nicht Tatjana Prinzessin von Hohenzollern heißen wird, noch länger wollte sie auf die Scheidung des Ferfried nicht warten müssen. Und noch länger diesem Ötzianblick morgens nach dem Aufwachen ausgesetzt sein, dieses Opfer ist kein Name dieser Welt wert.

Aber halt, einen Wehmutstropfen gibt es: die fehlenden Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Story an die Boulevardpresse, die sich mit Hingabe und ganzem Körpereinsatz diesem glücklichen Paar gewidmet hatte. Vielleicht sind sie zu müde geworden, zu alt und zu sittsam, als dass sich noch irgendetwas aus der Schönen und dem Prinzen herausholen ließe; vielleicht haben die Redakteure Fototermine und Gagen versagt, weil andere Prominente zur Zeit einfach höhere Auflagen versprechen; vielleicht hat man sie einfach in ihrer für die Zeitungen inszenierten Soap-Wohngemeinschaft vergessen und ihnen nicht gesagt, was sie als nächstes machen sollten, um in die Zeitung zu kommen? Vielleicht deshalb eine Trennung aus Verzweiflung?

Das Ende einer großartigen Liebe, zerstört durch die gnadenlose Unaufmerksamkeit der deutschen Boulevardpresse. Muss da möglicherweise mehr geboten werden als Liebe und Leidenschaft, als Scheidung und eine vorbestrafte Verlobte, als Kinderwunsch und Zukunftspläne? Ein Selbstmord, das wäre fein. Da würden die ganz bestimmt viel bezahlen, aber nur, wenn sie es exklusiv und in Farbe drucken dürfen, versteht sich. Vielleicht überlegt es sich Tatti ja doch noch …

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