Nachrufe sind Werbung

Ich dachte, mich tritt ein Pferd. Da war ein Nachruf über einen, der vor einem Jahr gestorben ist. So was liest man ja öfter. In Memoriam heißt es dann und dass Mutter, Frau, Vater, Mann oder Kinder allen zeigen und sagen wollen, dass sie einen nahen Angehörigen nicht vergessen können und somit der Leser auch noch mal an den Verstorbenen erinnert wird. Der Nachruf, der mir aufgefallen ist, war einer, den Anwaltskollegen ihrem verstorbenen Anwaltskollegen gewidmet haben. Was für ein Schwachsinn?, dachte ich spontan. Was soll das? Sitzen die seit einem Jahr in der Kanzlei, heulen sich die Augen aus dem Kopf, wissen nicht mehr ein noch aus? Können emotional nicht damit fertig werden, dass einer unter der Erde liegt, der so viel Gutes hat getan? Oder wollen sie damit diejenigen aufwecken, die über den Tod dieses Anwalts eigentlich ganz froh sind und die damit ein Stück Gerechtigkeit erfahren haben wollen. Schließlich geht es vor Gericht bei den Anwälten um ihren Job, und bei den Mandanten um ihr Leben. Die Persönlichkeit, Privatsphäre, Kinder oder Daseinsberechtigung werden ihnen von manchen Anwälten mit Schauspieltalent und Mut zum Mobbing derart in Stücke geschlagen, dass die Mandanten nicht selten an Suizid denken und einige es auch in die Tat umsetzten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen langwierige Gerichtsverfahren und ausreichende Geldmittel, um alles zu finanzieren, was das deutsche Gesetz hergibt. Wenn dann derlei Anwälte vor den Opfern ins Gras beißen, die zuvor nach Absprache und im Sinne der eigenen Mandantschaft die Gegner in den Knast, die Klappse, unter die Brücke oder die Erde bringen wollten, sei es erlaubt, dass Mitgefühl und jeglicher positive Gedanke an so einen Menschen nicht existieren.
Was wollen also die Kollegen mit so einer Anzeige? „Er ist zwar tot, aber wir sind auch noch da!“, könnte es heißen. Zieht euch warm an. Wir laufen uns gerade ein. Und dann geht es weiter wie bisher. Nein, alles Quatsch. Das ist Spaß, das ist Buissiness.
Es soll doch nur Werbung sein. Da bin ich mir ziemlich sicher. Anwaltskanzleien dürfen ja keine Werbung machen, nur schreiben, wenn die Urlaub machen oder so was, und weil diese Kanzlei keinen Urlaub macht, kann man jetzt vielleicht jedes Jahr ein tränenreiches Memorandum über den Kollegen lesen. Das formt dann auch noch das Bild einer menschlichen Kanzlei. Obwohl menschlich ja eher das Böse, Durchtriebene, Vorsätzliche und Ungerechte verkörpert. Und Anwälte Menschen vertreten, die lügen und betrügen. Und darum passen Nachrufe super gut in die Werbung einer Kanzlei, denn in den Nachrufen wird genauso gelogen, wie vor Gericht. Jetzt ist es rund. Und dann wäre das entschuldigt. Wahrscheinlich ist, dass die Kollegen jetzt hinter ihren schweren Schreibtischen sitzen, die Füße auf diesen abgelegt, sie lassen es sich gut gehen ohne den stressigen Kollegen. Aber, wer weiß schon, was die Wahrheit ist?