So gut wie eine Rente

Herr Wiezorek und Frau Lehmann hatten etwas Gemeinsames: ihre Adresse in Berlin. Ansonsten waren sie sich fremd. Er wohnte Parterre im Hinterhaus mit kleinem Garten. Herr Wiezorek kam aus Dortmund. Er war vor ein paar Jahren mit seiner Frau nach Berlin gezogen. Seit ein paar Monaten lebte er allein. Sie war einfach ausgezogen. Er habe sie geschlagen, sagte sie noch, bevor sie in das große Auto eines Mannes stieg und beide davon rasten. Was wirklich zwischen den Beiden passiert war, wusste niemand so genau. Herr Wiezorek war achtundfünfzig Jahre alt und Nichtraucher. Er hatte Asthma.
Frau Lehmann wohnte im Vorderhaus mit Minou, einer Kartäuser Katze. Sie ist acht Jahre alt und von Natur aus grau. Mit einem leichten Blaustich. Frau Lehmann hat sich der Haarfarbe ihrer Katze angepasst, obwohl sie erst dreiundvierzig war. Über ihre Rente machte sie sich ständig Gedanken. Ihr Mann war über Nacht verschwunden, konnte mit ihrer Arbeitslosigkeit nicht leben. Im Haus wurde erzählt, dass er die Katze nicht mochte. Sie hatte ihn als vermisst gemeldet, wahrscheinlich war er irgendwo in Polen untergetaucht, erzählte man sich.
Frau Lehmann jedenfalls wohnte im Vorderhaus, dritter Stock rechts. Eines ihrer Fenster lag direkt über dem Garten von Herrn Wiezorek. Sie trug immer Turnschuhe, um schneller die Treppen hinaufsteigen zu können. Stöckelschuhe waren für sie der reinste Horror. Rote Stöckelschuhe sind der Tod, dachte sie. In ihrer Freizeit, die sie eigentlich immer hatte, ging Frau Lehmann in den Garten von Herrn Wiezorek, um seinen Rhododendrenbusch zu pflegen. Und weil Frau Lehmann vor ihrer Arbeitslosigkeit Gärtnerin gewesen war, konnte sie das besonders gut.

Sie pflegte den Rhododendron in einer Art, das es Herrn Wiezorek allein schon vom Zusehen Leben in seine Lenden hauchte. Sie war gut gebaut und hatte eigentlich ein hübsches Gesicht unter den sehr kurzen grauen Haaren. Ihre braunen Augen blickten aufmerksam in jede Ecke seines Gartens. Mit den Pflanzen kannte sie sich aus. Davon war Herr Wiezorek angetan und von ihren Hüften. Immer dann, wenn sie sich dem Rhododendron zuwandte, sich also von ihm abwandte und sich dabei bückte, musste er sich an irgendetwas festhalten, um nicht das Gleichgewicht und die Fassung zu verlieren.
Frau Lehmann war an Herrn Wiezorek nicht interessiert. Jedenfalls nicht direkt. Allein sein Garten interessierte sie, die Pflege des Rhododendron war eigentlich nur Mittel zum Zweck. Denn was Herr Wiezorek nicht wusste: Frau Lehmann hatte dort ihren Schatz vergraben. Gleich zwischen dem Kräuterbeet und dem Rhododendrenbusch. An einem Nachmittag im Sommer letzten Jahres war das, als Herr Wiezorek wegen der Handgreiflichkeiten gegenüber seiner Frau für zwei Wochen in Untersuchungshaft saß. Als er wieder rauskam, war schon alles gelaufen. Frau Lehmann war gerade dabei, die letzten Spuren zu verwischen, als die Tür aufging und Herr Wiezorek laut schimpfend auf sie zulief. Er wollte die Fremde aus seinem Garten vertreiben. Sie hatte dort nichts verloren, aber Frau Lehmann, mit ihrer Katze auf dem Arm, ließ sich nicht vertreiben. Für nichts auf der Welt.
Sie sah ihn nur an, war erschrocken und fürchtete, dass sie von diesem Mann genauso behandelt werden würde, wie er es seinerzeit mit Frau Wiezorek getan hatte. Frau Lehmann sagte nichts, während ihre großen Augen in einem tiefen Dunkelbraun dem Angreifer ausleuchteten. Herr Wiezorek hatte mit einer solchen Reaktion wohl nicht gerechnet, deshalb beruhigte er sich sehr schnell wieder. Er entschuldigte sich sogar für sein Verhalten und erklärte ihr, dass er Asthma hätte und Katzen ihm gar nicht gut taten. Er hatte sogar deshalb das Rauchen aufgegeben. Das beruhigte auch Frau Lehmann, denn sie mochte Raucher nicht.

Herr Wiezorek bot ihr einen Kaffee an, obwohl es schon nach einundzwanzig Uhr war. Und damit eigentlich zu spät für einen Kaffee. Frau Lehmann holte Kaffeepulver und Milch aus ihrer Wohnung, die Katze ließ sie oben. Sie tat das alles so schnell, dass Herr Wiezorek es nicht einmal schaffte, seine Tasche abzustellen, das Wasser aufzusetzen und sich in seiner Wohnung umzusehen. Kaum hatte er sich umgedreht, war sie auch schon wieder da. Jetzt erschrak er vor ihr, und sie erschrak vor seinem Schreck. Schreckhafte fremdelnde Menschen lebten in diesem Haus.
Frau Lehmann kochte den Kaffee und spülte das alte Geschirr, bevor sie die Tassen füllte. So schlich sie sich in sein Leben ein, Schritt für Schritt. Von nun an kam Frau Lehmann täglich über den Hinterhof in seinen Garten. Und sie musste nicht mehr über den Zaun steigen, vielmehr konnte sie ganz bequem durch die Wohnung des Herrn Wiezorek gehen, denn er hatte ihr einen eigenen Schlüssel gegeben.
Frau Lehmann ging jeden Tag zu Herrn Wiezorek, seinetwegen, jedenfalls dachte er es sich so. Es konnte ja kaum an seinem Garten oder an dem Rhododendron liegen, es musste etwas mit ihm zu tun haben, dass sie das tat. Immerhin hatte sie sich nie beschwert, wenn er zu schnell kam oder nur ihre Brüste begrabschte und ihr in den Schritt fasste. Seine Frau nörgelte ständig, wenn es überhaupt dazu gekommen war, dass er mit ihr schlafen konnte.

Für Herrn Wiezorek war Frau Lehmann eine willkommene Abwechslung in seinem Leben. Außerdem hatte er noch nie eine Frau getroffen, die so oft mit ihm Sex haben wollte, sonst würde sie ja nicht so oft kommen. Also, zu ihm kommen. Ob sie bei ihm jemals gekommen war, das wusste Herr Wiezorek nicht. Es war ihm eigentlich auch egal, solange sie ihn besuchen würde, wollte er sie auch besteigen, mehr wollte er ja nicht, und sie offenbar auch nicht. Frau Lehmann hatte ein Ritual daraus gemacht, das gefiel Herrn Wiezorek. Jeden Nachmittag um vierzehn Uhr schloss sie leise die Wohnungstür auf. Herr Wiezorek saß zu der Zeit eigentlich vor dem Fernseher, allerdings hat er sich das abgewöhnt, also sie hatte es ihm abgewöhnt. Das Ritual hatte ja durchaus seinen Reiz. Dieser lag in der Überraschung, ganz so, wie alles angefangen hatte. Sie schlich durch seine Wohnung, auf Zehenspitzen, er blieb unsichtbar. Dann, wenn sie den Rhododendron versorgt und das Beet gepflegt hatte, drehte sie sich um und Herr Wiezorek stand vorbereitet, mit seiner prallen Männlichkeit bewaffnet, in der Tür zum Garten.
Während sie erschrocken tat, lächelte er ihr zu. Dann gingen sie gemeinsam ins Badezimmer, um ihre Hände zu waschen. Erst mit Seife, dann mit der kleinen Handbürste und Herr Wiezorek hatte nur zu entscheiden, wie er sie dieses Mal nehmen wollte. Frau Lehmann war ein stiller Typ. Sie sagte nie etwas, das gefiel Herrn Wiezorek nicht sonderlich. Lieber wäre es ihm gewesen, sie hätte sein Vokabular benutzt und ihn noch heißer damit gemacht. Aber die Hoffnung auf Besserung in dieser Hinsicht hatte er mit der Zeit aufgegeben.
Ungerecht wollte Herr Wiezorek aber nicht sein, denn er hatte es ganz gut getroffen mit ihr. Immerhin hatte Frau Lehmann im vergangen Jahr Dinge mit ihm gemacht, dass es an ein Wunder grenzte, dass er dafür nicht einmal etwas hatte bezahlen müssen. Von seiner Frau hätte er das niemals verlangen können. Die war so prüde, dass er die Sache mit dem Sex schon für den Rest seines Lebens aufgeben wollte. Gut, dass es Frau Lehmann gab. Sie war ein Schatz.
Nur eine Kleinigkeit gefiel Herrn Wiezorek nicht: die Katze Minou und vor allem die Haare dieses Tieres. Frau Lehmann, die ansonsten sehr unkompliziert und einsichtig tat, war in dieser Sache völlig uneinsichtig. Sie verteidigte die Existenz dieses Tieres wie eine Löwin, die mit ihrem Blick davor warnt, dass man ihr bloß nicht zu nahe kommt. Herr Wiezorek plagte seine Allergie immer dann, wenn er sich auf das Wesentliche mit Frau Lehmann konzentrieren wollte. Dann musste er niesen. Manchmal bekam er nicht einmal mehr Luft, dann half nur noch sein Cortisonspray. Vier Flaschen hatte er bereits in der Wohnung verteilt, damit immer eine griffbereit war.

Seine Körperfülle und die Tatsache, dass er auch ohne Katzenhaare schlecht Luft bekam, ließen ihn beim Sex mit Frau Lehmann besonders laut stöhnen. Sein Nachbar hatte einmal gesagt, er höre sich an, wie ein grunzendes Schwein, aber Frau Lehmann sagte so etwas niemals zu ihm. Ihr schien es zu gefallen. An einem Nachmittag bereitete Herr Wiezorek dem Ritual allerdings ein jähes Ende. Denn kurz vor vierzehn Uhr stand er vor der Tür des Vorderhauses, dritter Stock rechts. Frau Lehmann war erschrocken, Herr Wiezorek nicht. Er drängte sie in ihre Wohnung und schaute sich suchend um. Noch nie zuvor war er in ihrer Wohnung gewesen und danach auch nie mehr. Das zweiflüglige Fenster zum Garten war wie immer weit geöffnet und auf der Fensterbank saß Minou. Sie genoss die Sonnenstrahlen, die ihr graublaues Fell erwärmten.
Herr Wiezorek machte Frau Lehmann ein paar Komplimente, wegen ihrer sehr schönen Wohnung. Alles war sauber und aufgeräumt und es roch so gut. Aber schon nach ein paar Augenblicken begannen die Niesanfälle und die Augen tränten. Acht Jahre ist die Katze alt, die stirbt sowieso bald, dachte er noch, bevor er sie mit einem Schubs aus dem Fenster warf. Frau Lehmann kramte gerade in ihrer Handtasche nach einem Cortisonspray. Dass sie gesehen hatte, wie Herr Wiezorek die Katze von der Fensterbank schubste, wusste Wiezorek nicht.

Um Punkt vierzehn Uhr ging sie wie jeden Tag nach unten. Er folgte ihr wie ein Unsichtbarer. Sie schloss seine Wohnungstür auf und ging hinein. Dann der Weg in den Garten zum Rhododendron; die Pflege; die Hände waschen; das Ritual. Und an diesem Tag zog sie auch endlich die roten Stöckelschuhe an, die Herr Wiezorek ihr schon vor ein paar Monaten gekauft hatte. Und nicht nur die, sondern auch die schwarzen Seidentrümpfe, die rote Unterwäsche und die Strapse, von denen Herr Wiezorek so sehr geschwärmt hatte. Fast wäre es an diesem Tag perfekt gewesen, wenn sie nur gesprochen hätte. Sie war wie immer verstummt, aber jetzt konnte Herr Wiezorek den Sex mit ihr endlich ohne dieses lästige Tier und seine Haare genießen. Schon allein der Gedanke an den Tod des Stubentigers, ließ ihn gesunden. Und das hatte er ja immerhin verdient, denn erst letzte Woche hatte er ihr seine Wohnung überschrieben, damit Frau Wiezorek, das undankbare Stück, nichts davon bekam. In den Händen von Frau Lehmann wusste er sich und die Wohnung gut aufgehoben. Und jetzt, wo die Katze endlich tot war, konnte er glücklich in die Zukunft schauen.

Langer Rede kurzer Sinn: Frau Lehmann musste das Grab für Herrn Wiezorek an einer anderen Stelle und nicht direkt neben Herrn Lehmann ausheben. Schließlich würde es an Mord grenzen, den herrlichen Rhododendron noch einmal auszugraben und seine Wurzeln dabei vielleicht zu verletzen. Wieder wartete sie ab, bis es dunkel wurde. Und auch diese roten Schuhe legte sie wiederum mit ins Grab, aber dieses Mal streute sie einen Kalkzusatz über den toten Körper, damit der Geruch sie nicht zu sehr störte. Ein bisschen hatte sie’s schon gerochen, bei ihrem Mann. Und jetzt setzte sie sich das erste Mal auf einen der weißen Plastikgartenstühle des Herrn Wiezorek und blickte in die Äste der großen Ulme, die vor ihr thronte wie Gottes erhobener Zeigefinger.
Frau Lehmann war zwar gläubig, aber Gott würde ihr die Rente auch nicht zahlen können. Und schließlich musste auch Frau Lehmann sehen, wo sie blieb. Ihr Mann hatte ihr nur die Wohnung hinterlassen. Das Geld, das er mit den polnischen Prostituierten verdient hatte, war mit samt der Prostituierten weg. Nur die roten Schuhe hatte diese Frau zurückgelassen. Das hatte Herrn Lehmann so aufgebracht, dass er seiner Frau die roten Schuhe anzog und sie zwang, mit fremden Männern in dieser Wohnung zu schlafen. Eine Wohnung wäre so gut wie eine Rente, hatte er ihr auf einen Zettel geschrieben, der an der Schlafzimmertür klebte. Ja, er hatte recht.

Damals war Frau Lehmann noch nicht grauhaarig. Ihr Haar war lang und kastanienfarben. Und damals wollte sie nicht mit anderen Männern schlafen. Herr Lehmann war deshalb noch aufgebrachter, als er es wegen des Geldes und der Prostituierten gewesen war, deshalb warf er ihren Liebling Minou aus dem offenen Fenster. Als Frau Lehmann zu weinen begann, wollten sie gemeinsam im Garten von Herrn Wiezorek nach Minou suchen. Die roten Schuhe hatte Frau Lehmann dabei in der Hand, denn im weichen Gras sanken die hohen Absätze immer ein. Als Herr Lehmann sich über den Rhododendron beugte, um nach der Katze zu sehen, fiel ein Sonnenstrahl auf seinen Nacken. Das ist ein Zeichen, dachte Frau Lehmann damals und schlug ihn mit dem Absatz des roten Schuhs ins Genick. Sie traf die Wirbelsäule. Er war sofort tot. Minou kam erst aus dem Gebüsch, als Frau Lehmann die letzten Schaufeln Erde glatt gestrichen hatte.
Seit diesem besagten Tag wusste sie zwar, dass Katzen einen Sturz aus dem dritten Stock überleben können, aber schon bald danach wurde ihr Haar grau. Es bleibt im Leben eben nichts ungestraft, dachte sich die stumme Frau Lehmann, während sie spürte, wie Minou auf ihrem Schoss schnurrte.