Steuerhinterzieher sind Kavaliere

Kennen Sie den Unterschied zwischen Steuerhinterziehung und dem Kavaliersdelikt? Nein? Ich erkläre es Ihnen: Hört ein Normalbürger das Wort „Finanzamt“ oder gar „Steuerprüfer“, dann zuckt er zusammen, sieht den schlecht gelaunten, grimmig dreinschauenden Mann mit abgegriffener Aktentasche schon in seinem Wohnzimmer sitzen, den Berg von Unterlagen, Kontoauszügen und Belegen aller Art vor sich aufgetürmt. Und er hat Angst davor, als Steuerhinterzieher entlarvt zu werden. Der Herr nimmt nicht mal einen Kaffe oder einen Keks. Bestechung ist ausgeschlossen. Schließlich haben wir ja Pflichtbewusstsein gelernt und Gesetze aufgeschrieben.
Steuerhinterziehern ist es angeraten, sich selbst zu läutern und anzuzeigen, bevor der Mann mit der Aktentasche etwas findet. Der Normalo muss Buße tun. Hat gar sein Steuerberater einen Fehler gemacht und fällt dieser womöglich erst während einer Prüfung auf, ist nix mehr mit Straffreiheit, dann gibt’s ne Bewährungsstrafe mit anschließender Geldabgabe im empfindlichen Tausenderbereich. Wie viele es davon hier im Städtchen gibt, möchte ich gar nicht wissen. Aber es gibt sie. Ganz sicher.
Beim Kavaliersdelikt hingegen, das erst im sechsstelligen Bereich beginnt und nach oben offen ist, gibt es andere Möglichkeiten. Erst einmal trinkt der Mann mit der Aktentasche mit Kavalieren gerne Kaffee, und einen Keks nimmt er auch. Er will ja nicht unhöflich sein. Außerdem findet er nix Gravierendes und wenn, dann muss er erst einmal mit seinem Vorgesetzten reden, wegen des Arbeitsaufwandes bei einer umfangreichen Prüfung. Im Allgemeinen einigt man sich in einem Vergleich. Das heißt, derjenige, der den Keks bekommen hat, fragt denjenigen, der ihm diesen angeboten hatte, wie viel er denn gerne an den Staat abgeben würde. Das nur, damit der Keksanbieter nicht den Inhalt aller seiner Aktenordner auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten muss. Dann wird eine Einigung herbeigeplaudert und gezahlt. Eine Selbstanzeige wird selbstverständlich gemacht, aber dieser wird nicht nachgegangen. Die Staatsanwaltschaft hat Besseres zu tun. So sind alle glücklich. Und weil der Keksesser ein guter Mensch ist, bedankt er sich höflich und verabschiedet sich bis zur nächsten angekündigten Steuerprüfung in circa 8 Jahren. Aber das ist reine Theorie, solche Menschen haben wir bei uns nicht, hier ist alles wunderbar in Ordnung.