Über das Verständnis jagender Frauen und Frauen jagender Männer während der Hirschbrunft

Wieder einmal ist Hirschbrunft. Und wieder einmal ist der Mann meiner Freundin für zwei Wochen nach Polen aufgebrochen, um die polnischen Hirsche auf polnisch röhren zu hören. Gestern vor einer Woche hatte sie ihm die letzten wichtigen Dinge in seinen Koffer gepackt. Hatte darauf geachtet, dass alles an seinem Platz kommt, denn er ist immer sehr aufgebracht, wenn sie etwas vergisst oder die warmen Socken links oben anstatt, wie gewöhnlich, rechts unten verstaut wurden. Auch ein paar süße Grüße in Form von Schokoladentäfelchen legte sie ihm wie immer in den Koffer. Damit er sich nicht so einsam fühlt, wie sie immer sagt. Denn wir jagenden Frauen, wie meine Freundin und ich es sind – und auch alle Frauen jagenden Männer – wissen in Wirklichkeit ganz genau, worum es bei der Jagd geht. Deshalb haben wir großes Verständnis dafür, dass auch der Mann meiner Freundin nach Polen fährt, obwohl sie selber einen guten Rotwildbestand im eigenen Revier haben. Wir wissen, wie der Hase läuft, auch, wenn wir das manchmal nicht so offen zeigen.

Was ich eigentlich erzählen will ist, dass meine Freundin die Zeit der Abwesenheit ihres Mannes dafür nutzen wollte, um in seinem Jagdzimmer mal so richtig sauber zu machen. Die Tapete mit den Jagdmotiven sah aus, als hätte sie schon den Kaiser erlebt, außerdem wurde diese nicht mehr vom Kleister, sonder nur noch von den unzähligen Trophäen an der Wand gehalten. Von den Spinnen war alles so eingesponnen, dass es eine homogene Einheit bildete. Hier war eine Grundrenovierung nötig. Da versteht es sich von selbst, eine Abwesenheit zu nutzen, um mal klar Schiff zu machen, sogar ich sah das ein. Obwohl ich mich und auch sie fragte, warum sie ihm noch eine Freude machen wollte, wenn er sie Jahr für Jahr im Herbst hier allein zurück ließ.

Ihre Antwort war, dass die Männer zwar alles essen, aber doch nicht alles wissen müssen und sie uns Frauen bei der häuslichen Pflege auch im Weg stehen können. Und um ihm zu zeigen, dass sie ihn liebt und alles was sie sich vorgenommen habe, auch ohne ihn schaffte, wollte sie sich mal wieder richtig ins Zeug leben. Sie hat sogar eins von den Journalen gelesen, die uns die neuesten Wohnideen näher bringen sollen. Ein Vorschlag fiel ihr besonders ins Auge. Eine Wand war minzegrün und die gegenüberliegende in der Farbe einer Aprikose gehalten. Natürlich hatte sie die Verbindung von grüner Farbe zur Jagd in ihren Entschluss mit einbezogen, sein Jagdzimmer so zu streichen.

Vorher musste sie die Präparate und die Trophäen aus Deutschland, Polen, Österreich und Afrika allerdings abhängen, entstauben, mit Mottenschutz besprühen und so unterbringen, dass ihnen bloß nichts passierte, denn die Trophäen waren ihm heilig. Das ist ihr bewusst. Danach hat sie stets gehandelt.

Mit der Decke fing sie dann an. Die wurde weiß. Strahlend weiß! Hut ab, kann ich da nur sagen. Ihr Mann ist nämlich starker Raucher und die Decke hatte einen hässlichen gelben Ton angenommen. Es war so ein Gelb, wie das der Unterwolle des Marders, der als Präparat an der Wand hing. Und es hat auch so gerochen.

Das Minzegrün ist jetzt auch mein Favorit! Ein Traum kann ich nur sagen, und das dunkle Fichtenholz der Wandverkleidung hat es dankend angenommen. Der Kontrast dazu war die glühende, untergehende Sonne Afrikas, in der Farbe der leckeren Aprikose. Auch hier konnte sie beim Streichen ihre eigene Begeisterung kaum in Grenzen halten.

Von einigen kleinen Schwierigkeiten abgesehen, kam sie schnell voran. Den Gewehrschrank konnte sie leider nicht abrücken, weil er so schwer war und ihr Mann den Schlüssel eingesteckt hatte. Auch der große Weichholzschrank mit den Jagdutensilien war abgeschlossen, der Schlüssel zuerst nicht auffindbar. Allerdings hatte sie ihn später beim Durchkämmen der Waschbärenpräparate gefunden und den Schrank dann doch noch öffnen können.

Ich kam zufällig vorbei, wollte einen Kaffee mit ihr trinken und halb ihr beim Abrücken des Schrankes. Dann half ich noch beim Ausräumen, als mir außer der Jagdliteratur auch Heftchen in die Hände fielen, die selbst ich bei diesem Mann niemals erwartete hätte. Na ja, jeder hat wohl sein kleines Geheimnis. Kurz gesagt, hinter dem Weichholzschrank konnte sie nach einer kurzen Pause zum Schockverarbeiten, auch ihren Aprikoseton streichen. Es war zwar etwas eng, aber wenn Frauen etwas wollen, dann schaffen sie das auch!

Beim Einräumen des Schrankes fiel dann ein Stapel mit allerlei Zetteln auf den Boden, ein Foto rutsche heraus. Dies zeigte ihren Mann mit seinen Freunden in Polen. Die einsame Jagdhütte war im Hintergrund gut zu erkennen, die Tür stand offen und das lilafarbene Papier der Schokoladentäfelchen hob sich gut von den weißen, schlanken und nackten Körpern der Frauen ab, die diese Schokolade gerade aßen. Es waren genau die Schokoladentäfelchen, die meine Freundin immer so liebevoll eingepackt hatte. Jahr für Jahr, weil ihr Mann darauf bestand.

Nein, nein, meine Freundin schnüffelt nicht in den persönlichen Dingen ihres Mannes herum! Und sie legte alles wieder in den Schrank zurück. Dann machte sich daran, die Trophäen wieder an ihren Platz zu hängen. Allerdings, als sie so dabei war, kam ihr die Idee, die Farben durch den Raum schweben zu lassen.

„Das Leben kann so trist und grau sein“, sagte sie noch, bevor sie einen seiner besten Böcke, das Minzegrün, das Weiß und die schöne Aprikosenfarbe nahm und damit begann, das Gehörn schön bunt zu bemalen.

Die Inspiration hält noch an und ich hoffe für sie, dass sie noch genug Zeit finden wird, um die übrigen fünf Dutzend Rehgehörne, die paar 1a-Hirsche und die mächtigen afrikanischen Trophäen für ihn verzieren zu können, während ihr Mann völlig arglos mit seinen Jagdfreunden in der einsamen kleinen Jagdhütte in Polen eingepfercht und ohne jeglichen Luxus seiner Jagdpassion frönt. Okay, den Mähnenlöwen hätte sie nicht rasieren müssen, aber es ging so leicht, sagte sie.

In diesem Sinne und nur, damit man(n) weiß, wie viel Verständnis jagende Frauen und Frauen jagender Männer für alles haben was mit Jagd zu tun hat, schicke ich Euch allen ein Waidmannsheil.

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