Ungezügelt ins Glück

Ja, ich gebe zu, ich sehe mir Rosamunde Pilcher-Filme an. Jeden Sonntag, es sei denn, es kommen Inga Lindström-Filme, dann seh ich mir die an. Warum ich das tue? Ganz einfach, weil sie verschlüsselte Nachrichten senden. Die haben Botschaften, das glaubt man nicht.
Am letzten Sonntag zum Beispiel ganz klassisch und aktuell eine fiese Anspielung auf die Wulff-Affäre. Verdeckt zwar, aber ich hab’s bemerkt.
Zum Drehbuch: In der Hauptrolle: Sie, jung, schön, blond, erfolgreich, beste Zeugnisse, strebsam, zielgerichtet und Bankerin, hat dem neidischen Kollegen den gut dotierten Posten in der Kreditabteilung für Privatkunden vor der Nase weggeschnappt. Und das auch noch als Amerikanerin in England.
Nebenrolle: der neidische Kollege. Der lässt sich das nicht gefallen, will sie vom Thorn stürzen und „wühlt in der Dreckwäsche“ der sauberen Dame. Findet oh Wunder, falsche Angaben in ihrer Steuererklärung, an der natürlich nur der Steuerberater der Dame Schuld hat. Was aber nix zur Sache tut und ihr Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis kosten.
Aber so leicht lässt sie sich nicht rauswerfen. Schließlich hat sie nicht umsonst lange und erfolgreich studiert. Eine Scheinehe muss geschlossen werden. Zwei Wochen hat sie Zeit, einen Engländer zu finden, der diesen Deal, im übrigen illegal, mit ihr eingeht. Dafür will sie bis zu 30.000 Euro zahlen. Und weil sie so extrem gut aussieht und ebenso extrem schlau ist, fragt sie etwa 20 junge Engländer, alles Bekannte ihrer neuen Sekretärin, ob die nicht mal was Illegales mit ihr machen wollen. Diese Männer sind jung und könnten das Geld allesamt gut gebrauchen, außerdem haben sie vollstes Verständnis für die blöde Situation, in der die Bankerin zurzeit steckt. Aber erst mal wird es nix, weil sie sich nicht entscheiden kann. Entnervt fährt sie in ihr Noch-Büro und trifft da auf einen interessanten Mann.
Die zweite Hauptrolle: Er, Lord of Sowieso, Erbe einer superschönen Pferdefarm, die von seiner Mutter aufgrund zu großer Tierliebe gerade in den Ruin getrieben wird. Der Lord, der eigentlich Arzt in Afrika ist und vor seinem schweren Erbe, dem Schloss, den Gemälden, den sündhaftteuren Einrichtungsgegenständen, den Ländereien geflohen war, weiß, dass Mama gerne Enkelkinder von ihm haben will, damit die Lordschaften nicht aussterben. Verständlich. Vorher aber muss er bei der Bankerin einen Kredit über 600.000 Euro bekommen, um aus den gröbsten Schulden raus zu kommen. Sie denkt aber, er ist einer der Anwärter für den hoch dotierten Ehegattenposten, findet ihn gut geeignet. Als nach einem kurzen Dialog fest steht, dass sie ihm den Kredit nur gibt, wenn er sie sofort heiratet, willigt er ein, nach einer Stunde sind sie in Schottland und werden dort zu Lord und Lady of Sowieso.
Hier müssten jetzt nicht die Hochzeits- sondern die Alarmglocken läuten. Welche Bankerin kann ihrem Ehemann einen Privatkredit von 600.000 Euro geben? Das hat doch ein Geschmäckle. Und weil die superschlaue Lady das ohne Absprache mit dem Vorstand macht, hat der neidische Kollege praktisch einen Elfmeter ohne Torwart. Ist die blöd. Dass ihr dieser doofe Deal dann auf die Füße fällt, weiß jeder. Und genau das ist es, was mich an Rosemunde- und Inga-Filmen so sehr reizt: die Durchschaubarkeit. Da gibt’s keine Überraschungen, da ist nach etwa 10 Minuten alles klar. Ich weiß, was passiert, könnte auch noch sagen, in welcher Zeit sich was abspielt, bis es um 21.45 Uhr ganz happy zu Ende geht.
In Ungezügelt ins Glück war es auch so. Zum Schluss zogen die Scheinehepartner gemeinsam ins Schloss ein. Ihr wurden Steuerhinterziehung und die Aussagen der jungen Männer, denen sie ihren Plan von der illegalen Scheinehe geflüstert hatte, natürlich nicht zum Verhängnis. Und beim Anblick der glücklichen Eheleute interessiert das eh keinen mehr. Die Welt der Schönen und Reichen ist schön und reich und sie hat Zukunft. Im Film brütet sie am Ende was aus. Das allerdings bemerkt das nur die Schwiegermutter, schließlich hat sie ja auch am meisten auf Enkelkinder gewartet. Dieser Fahrplan ist ohne Einschränkungen übertragbar. Viel Spaß mit Rosamunde und Co.