Wo das Quecksilber leuchtet

Wie werde ich Energiesparlampen mit gutem Gewissen wieder los?

Ein Selbstversuch.

Wohin mit den Energiesparlampen (ESL), wenn sie kaputt sind oder man die quecksilberhaltigen Leuchtmittel nicht mehr in der Wohnung haben möchte? Diese Frage ist schnell beantwortet, wenn man über einen Internetanschluss verfügt und auf der Seite der Deutschen Umwelthilfe „Ihre Sammelstellen“ anklickt. Nach Eingabe der Postleitzahl werden Sammelstellen in der direkten Umgebung angezeigt: dm-Drogeriemarkt und Kaufland in Eschwege, die Deponie in Weidenhausen und der Hagebaumarkt in Heiligenstadt.

Mein Gewissen plagt mich, weil ich diesen Giftmüll gekauft habe, jetzt will ich ihn loswerden. Habe acht Stück davon, sechs vorsichtig in Zeitungspapier eingewickelt, zwei sind noch neu und originalverpackt. Bei deren Anblick überkommt mich das ungute Gefühl, das mein Haus zwar jetzt gefahrenfrei wird, ich mit dem Sondermüll aber andere gefährden könnte. Obwohl auch ich im Vorfeld eine leise Ahnung davon hatte, dass diese Energiesparwunder Gefahren in sich bergen, habe ich sie gekauft, wollte umweltbewusst Energie sparen und Geld natürlich. Überhaupt fühlte ich mich beim Kauf der Dinger an der Baumarkt-Kasse noch ziemlich gut. „Ja seht nur her, ich bin ein umweltbewusster Mensch, denke nachhaltig und schone Ressourcen“, dachte ich noch.

Nachdem die Dokumentation „Bulb Fiction“ im Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“ im Mai vorgestellt wurde, war mir klar: die Dinger sind giftig. Die Doku läuft seit 31. Mai in Deutschland und zeigt, wie nach dem Bruch dieser Birnen das Nervengift Quecksilber freigesetzt und zur Giftschleuder werden kann. Immerhin sind noch bis zu fünf Milligramm des Schwermetalls pro Lampe erlaubt, das soll erst ab 2013 halbiert werden. Die Verfechter dieser Dinger sprechen von “geringen Mengen Quecksilber.“ Der ausstrahlende Dampf ist toxisch. Einige Birnen werden darum mit Kunststoff ummantelt, das macht sie noch teurer und angeblich unzerbrechlich. Grund dafür: Quecksilber hat Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem und zerstört Zellen. Im Film wird von einem Jungen berichtet, dem die Haare büschelweise ausgefallen waren, nachdem er einen „Quecksilberunfall“ hatte. Zudem berichtete man von der Belegschaft einer Recyclingfabrik, die sich allesamt an dem „Gefahrenstoff“ vergiftet hatten. Die Filmemacher kritisieren, dass die Studie, in der die Quecksilberbelastung durch zerbrochene Lampen untersucht werden sollte, „alles andere als wissenschaftlich sauber“ sei. Ein Wiener Physiker äußert sich kritisch: es sei erst untersucht worden, nachdem sich der giftige Dampf verflüchtigt hatte. Tatsache ist: nur fünf Lampen wurden überhaupt untersucht, auf diesem Ergebnis fußt der EU-weite Beschluss zur Einführung der ESL. Jetzt haben wir die Dinger. „Sie sind Sondermüll, werden dennoch zu 80 Prozent über den Hausmüll entsorgt und so kommt das Gift auch ins Trinkwasser“, so der Beitrag.

Zurück zu meinem persönlichen ESL-Ausstieg: Da die Weidenhäuser Deponie und der Hagebaumarkt jeweils 22 Kilometer entfernt sind, erscheinen mir Toom, Kaufland und dm-Drogeriemarkt als sinnvoll, zumal ich mit dem Auto dorthin fahren muss. Doch ich fange erst mal in Wanfried an, erfahre bei meinem überhaupt ersten Informationsgespräch mit Marina Weidemann vom Elektrofachgeschäft in Wanfried, dass die ESL nicht nur teuer sind, sondern für vieles Ein- und Ausschalten nicht geeignet. Dauerbetrieb ja, Kinderzimmer, Treppenhaus, Badezimmer, alles wo öfter an- und ausgeknipst wird, eher nicht. Das wusste ich nicht. Die Fachfrau empfiehlt mir als Alternative die Halogenbirne. Sie ist halb so teuer und spart schon mal 30 Prozent Strom gegenüber herkömmlichen Glühbirnen, die es ja ab September 2012 gar nicht mehr gibt. Die ESL hätte sie mir vorsichtig abgenommen und gemeinsam mit den Leuchtstoffröhren zur Deponie gebracht. Diese Entsorgung hätte ich nicht zahlen müssen, da der Kunde bereits beim Kauf der Birne etwa 22 Cent pro Stück für die Entsorgung bezahle, bekomme ich als Auskunft.

Aber ich gebe meine ESL dort nicht ab, schließlich habe ich die meisten bei Toom gekauft. Dort fahre ich hin und treffe in der Lampenabteilung auf einen netten Fachverkäufer, der mir mitteilt, dass Toom keine ESL entsorgt, weil es vom Hersteller keine sicheren Entsorgungssysteme gebe. Um die Gesundheit der Mitarbeiter und Kunden nicht zu gefährden, könne Toom die ESL nicht zurücknehmen. Er empfiehlt mir, meinen ESL-Sondermüll direkt zur Deponie zu fahren und sagt noch, welches ungute Gefühl er beim Umgang mit den ESL habe, und einen wahren Horror davor, wenn mal eine im Laden zu Boden fiele und die Quecksilberwolke sich dann dort verteile. Dann zeigt er mir die billigen ESL-Produkte aus Polen. Danach würden die Leute immer mehr greifen, sagt er und dass ihm das Angst mache. Er empfiehlt mir Halogen-Leuchten und führt sie vor. Doch ich will ja erst mal meine ESL loswerden, also ab zum dm-Drogeriemarkt.

Im Drogeriemarkt ist Heidi Wagner so freundlich, mir die Entsorgungskiste am Eingang zu zeigen. Hier werden die ausgedienten ESL einzeln in den unterteilten Karton gestellt. Dieser ist voll bei etwa 15 Stück, dann wird er verschlossen abgeholt und direkt nach Weidenhausen gebracht. Das kommt mir ziemlich sicher vor, die Angestellten sind damit zufrieden, bekommen aber auch nicht so viele ESL zur Entsorgung gebracht. Ich nehme meine wieder mit und fahre zum Kaufland.

Beim Betreten des größten Einkaufsmarktes in Eschwege bin ich schockiert: im Eingangsbereich, gegenüber von Bäcker- und Fleischerstand steht ein grüner Pappkarton mit der Aufschrift auf dem Boden: Sammelbox für Energiesparlampen. An der Seite steht: Sauberes Licht, sauber recycelt und lichtzeichen.de. In diesen Behälter soll ich die ESL werfen? Niemals. Der ist schon voll, eine Aufschrift verlangt zudem, dass ich die ESL bitte unverpackt „einwerfen“ soll. Das mache ich schon gar nicht. Überhaupt halte ich Abstand zu dem Behälter, von dem es nach Auskunft einer Mitarbeiterin noch einen an der Packstation geben soll. Marktleiter Torsten Rieger bestätigt, dass dies die offizielle Entsorgungsboxen von Kaufland sind, diese einmal pro Stunde auf Schäden kontrolliert würden und dann, wenn nichts mehr reingeht, abgeholt würden. Eigentlich wollte ich ihn fragen, ob er diesen Behälter für sicher erachtet, das hat sich für mich nach dem Anblick aber erübrigt. Fotos erlaubt er nicht und verweist mich an die Pressestelle von Kaufland. Das erübrigt sich für mich auch. Denn mein Gefühl sagt mir: da kommt mein Sondermüll nicht rein! Schließlich bin ich dafür verantwortlich.

Mein Bedarf an ESL ist mehr als gedeckt. Nach über zwei Stunden fahre ich immer noch acht ESL durch die Gegend, die ich unvorsichtigerweise gekauft hatte. Es sind die Geister, die ich rief. Wohin damit? Was wird daraus? Wem werden die im schlimmsten Fall noch schaden? Diese Fragen stelle ich mir am nächsten Tag auf dem Weg nach Weidenhausen.

Dort ist Disponent Günter Hupfeld so nett, mir den Container zu zeigen, wo die ESL hineingelegt werden können. Auch der ist offen, ziemlich voll, Splitter auf dem Boden zeugen von zerbrochenen Leuchtmitteln. Aber es steht im Freien. Ich packe meine ESL aus, lege sie behutsam in die Box und stelle fest: Insgesamt habe ich etwa 65 Kilometer zurückgelegt, um acht ESL zu entsorgen. Und egal, wie ich mir das Ganze schönrede, mein ungutes Gefühl bleibt. Hätte ich vor dem Kauf der Dinger mal das Internet bemüht, ich hätte viele Berichte und Meinungen darüber lesen können und mir die bestimmt nie gekauft. Meine Verantwortung. Aber dennoch fühle ich mich auch von der Industrie und der Politik hinters Licht geführt.